4280: Jobst Plog: Länder wissen nicht, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein soll.

Jobst Plog war von 1991 bis 2008 Intendant des NDR. Darüberhinaus war er auch ARD-Vorsitzender und Arte-Präsident. Von Claudia Tieschky wird er zum „Klimabericht“ des NDR befragt (SZ, 31.3.23).

SZ: Was dachten Sie, als Sie den an diesem Mittwoch veröffentlichten „Klimabericht“ lasen, der dem NDR und seiner Führung ein verheerendes Zeugnis ausstellt?

Plog: Das hat mich wirklich erschrocken. Ich fand schon den Weg dahin etwas besonders – denn zu erkunden, wie die Stimmung, wie das Klima im eigenen Haus ist, das ist doch alltägliche Aufgabe von Führung. Ich erinnere mich nicht, dass ich dafür eines Gutachtens bedurft hätte. Und das zweite Erschreeckende ist der Inhalt dieses Gutachtens, der eklatante Führungsmängel aufzeigt und dem bislang auch keineswegs widersprochen worden ist.

SZ: Haben Sie von den Zuständen im NDR aus der Entfernung etwas mitbekommen?

Plog: Dass es in Teilbereichen rumorte, weil etwas rau geführt wurde, das habe ich schon gehört. Mich haben die Einzelfälle, die dann aufkamen, nicht wirklich überrascht, obwohl ich weit weg sitze. Aber dass es ein so generelles Problem gibt, dass Führungsvorgaben fehlen, Strategien fehlen, die Bereitschaft, Dinge durchzusetzen im Dialog von oben nach unten, das ist eine alarmierende Bestandsaufnahme.

SZ: Hat die aktuelle Geschäftsführung um Intendant Joachim Knuth überhaupt eine Chance, sich glaubhaft zur Spitze eines Neuanfangs zu erklären?

Plog: Exakt das ist die Frage. Führungskräfte sagen ja immer, dass sie Führungskräfte sind, weil sie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Aber das muss sich dann auch mal in Realität umsetzen. Und ich weiß nicht, wie das hier geschehen soll, wenn dieselben Leute, denen gestern noch eklatante Mängel bescheinigt wurden, morgen anfangen sollen, an der Beseitigung dieser Mängel zu arbeiten. Das ist zwar menschlich sympathisch, aber nicht sehr überzeugend im Ansatz.

SZ: Sie haben in Ihrer Amtszeit sehr dafür gekämpft, dass der politische Einfluss aus den Sendern verschwindet. Ist die Politik im Moment mächtiger oder ohnmächtiger als damals?

Plog: Die Macht der Parteien, die in den Anstalten saßen, ist sehr stark zurückgedrängt. Was problematischer ist: Dass die Länder nicht offen einräumen, dass sie keinen Konsens darüber haben, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk sein soll. Wenn sie jetzt sehen, dass wieder eine Gebührendebatte beginnt, bei der mehrere Akteure vorab sagen: Was immer die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs vorschlägt, die Gebühr wird nicht erhöht – dann sehen Sie den manhelnden Respekt vot der verfassungsrechtlichen Schutzsphäre für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Länder wären gut beraten, das einmal auszutragen, bevor man den Ball immer zu den Rundfunkanstalten spielt.

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