Die DDR-Kritikerin Ines Geipel (geb. 1960), eine ehemalige Weltklasse-Sprinterin, war 1989 in die Bundesrepublik geflohen. Sie ist heute Professorin für Verskunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Als ehemalige DDR-Bürgerin ist Geipel prädestiniert für die Analyse der DDR und der Verhältnisse in Ostdeutschland heute. Sie ist eine Ikone im Anti-Doping-Kampf. Dadurch ist sie bei einigen verhasst. Ines Geipel hat schon mehrere Bücher über die DDR veröffentlicht, darunter „Generation Mauer“ und „No Limit: Wieviel Doping verträgt die Gesellschaft“.
In ihrem neuesten Buch:
Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Stuttgart (Klett-Cotta) 2019, 277 Seiten,
ist sie besonders überzeugend, weil sie sich partiell der Geschichte ihrer Familie direkt annimmt. Sie schreibt über ihren Nazi-Großvater, ihren Stasi-Vater und ihren 2018 an Krebs gestorbenen Bruder. Dabei reflektiert sie auch die Rolle ihrer Mutter.
Über die Rolle der Frau in der DDR schreibt Geipel: „Das mit der Ostfrau ist ein changierendes, brüchiges Bild, je nach Perspektive, Generation, Erfahrung, je nach Innen- oder Außenblick. Lässt sich dieser Mythos trotzdem irgendwie auf einen Nenner bringen? Oder auch: Wie stand es eigentlich mit der Machtfrage? Wer regierte den Staat? Wo war die Ost-Frau in den Institutionen, in der Wirtschaft, an den Unis, in der Kultur, an den Schaltstellen des Landes? Was bestimmte ihren Familien-Alltag? Wo wurde nicht für die Mythos-Frau, sondern mit den realen Frauen Politik gemacht?
Denn mehr Patriarchat als im Osten war praktisch nicht drin.
Ein Traditionsgebäude, in der die Frau nicht nur symbolisch gesehen auf den Mann bezogen blieb. Auch im Realen hing sie fest und blieb die Beauftragte in der zweiten Reihe, die sich abrackerte, die absicherte, bedingte, erfüllte und oft genug forcierte.
Unsere starken Mütter und ihre elenden Verantwortungslosigkeiten, die die Gewalt ihrer Männer nicht stoppten, sondern sie oft genug geschehen ließen, die sich wegduckten, sie ausschwiegen, sie miterleben oder sogar selbst ausführen wollten. Scham und Verrat, Lüge und Selbstschuld, Selbstgesteuertes und komplett Versiegeltes, Biografien und Familiengedächtnisse, in einem Intimschweigen, das durch 56 Jahre Diktaturerfahrung hindurch politisch gemacht wurde und über das der Osten 1989 genuin verfügte. Wie da rankommen?“ (S. 191)