Der US-amerikanische Schriftsteller
Louis Begley
(geboren 1933 als Ludwik Begleiter in Polen) ist bei uns durch den Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“ (1991, dt. 1994) bekannt, ich schätze ihn sehr. Außerdem durch seine Romane über den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt („About Schmidt“ u.a.). Als Bürger nimmt Begley kein Blatt vor den Mund. So hat er 2006 in die Debatte eingegriffen, die Günter Grass durch sein Bekenntnis hervorgerufen hatte, in der Waffen-SS gewesen zu sein. Und zwar durch die Bemerkung, auch er, Begley, sei an der Ostfront gewesen, aber „nicht als Soldat, sondern als Tier, das zur Jagd freigegeben war und umgebracht werden sollte“ (hier zit. nach W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 180).
Nun veröffentlicht die FAS (13.10.19) im „Feuilleton Spezial“ unter dem Titel „Ich habe das Getto überlebt“ ein Betrachtung Begleys über Deutschland:
„… Was nehme ich stattdessen wahr? Eine Nation, die durch ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren – vor allem das visionäre Werk der großen Staatsmänner Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die durch den Kalten Krieg entstandene geopolitische Lage, die außergewöhnlichen Anstrengungen der Deutschen, die mit aller Kraft am Wiederaufbau ihres Landes arbeiteten – ihre Stellung als eine der drei führenden europoäischen Mächte wiedergewann und zu einer treibenden Kraft wurde, der die lang anhaltende Periode von wirklichem, allerdings ungerecht verteilten wirtschaftlichem Fortschritt und Wohlstand weitgehend zu verdanken ist.
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für mich das Gesicht dieses neuen guten Deutschlands, eines Landes, das seinen noblen humanistischen Traditionen treu blieb, und ihr Lebensweg ist in meinen Augen zugleich Beweis und Symbol für die im Wesentlichen erfolgreiche deutsche Wiedervereinigung. Frau Merkel hat man vorgeworfen, dass sie 2015 Deutschlands Grenzen für eine übermäßig hohe Zahl von Flüchtlingen, vor allem aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, öffnete, eine Entscheidung, die, so sagte sie, wegen der außergewöhnlichen Umstände des Krieges und der humanitären Katastrophe in diesen Ländern zwingend war. Konfrontiert mit barscher Kritik, erwiderte sie, alle die wichtigen Entscheidungen von 2015 würde sie wieder treffen. Ich unterschätze weder die extremen Schwierigkeiten, die mit der Aufnahme von über einer Million Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft verbunden sind, noch die Gefahr, die der Machtgewinn der AfD darstellt, einer Partei, die vom Fremdenhass jener Deutschen profitiert, die sich vom generellen wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes ausgeschlossen fühlen. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses Land auch in Zukunft noch lange auf die verlässliche moralische Qualität von Frau Merkels Führungsstil stolz sein kann.“
Ich bin der gleichen Meinung.