2563: Die falsche Idylle von der Einfachheit

1. Der erste, der in unserer Hinsicht in die Irre ging, war der US-amerikanische Schriftsteller David Henry Thoreau. 1845 baute er sich bei Concord eine Hütte und zog sich von der Zivilisation zurück. Fortan beobachtete er Eichhörnchen und lauschte dem Quaken der Ochsenfrösche. Immerhin schrieb er darüber den Welt-Bestseller „Walden oder das Leben in den Wäldern“. Was Thoreau besonders verachtete, waren Zeitungen. All dieses News-Gewäsch.

2. Zu Zeiten von Donald Trump sind die Thoreau-Fans zurück. Sie beklagen sich über das Medien-Spektakel der Sinnlosigkeit und ziehen sich in ihren Behaglichkeitskosmos zurück.

3. Der deutsche Schriftsteller Botho Strauß ekelt sich erkennbar vor der Penetranz des Populären und pflegt seine „Aristokratie des Beisichseins“.

4. Mancher neue Lebens-Philosoph lobt die Freuden der Gartenarbeit und verachtet den Selfie-Tourismus.

5. Rolf Dobelli liest seit zehn Jahren keine Zeitungen mehr und schaut kein Fernsehen. Das mache krank, dumm und traurig.

6. All diese Frustrierten haben das Recht auf ihre Meinungen und die Verfolgung ihrer Interessen. Aber sie haben der Gesellschaft nichts zu bieten. Die Egozentriker der neuen Einfachheit sind mal elitär und mal romantisch. Aber die Stoßrichtung ihrer Lösungssuche ist das Loblied auf die Vereinzelung. Sie wollen keine gesellschaftliche Lösung. Auf der Suche nach dem Seelenfrieden gebärden sie sich als Seher.

7. Dabei treten drei Grundprobleme zutage: a) das Problem der Masse der Informationen, b) die nicht immer gegebene Qualität der Nachrichten, c) wie lässt sich das Verhältnis von Information und Aktion, von Wissen und Handeln sinnvoll neu bestimmen angesichts der riesigen öffentlichen Probleme (etwa Klimawandel, Digitalisierung, Bekämpfung des simplifizierenden Populismus).

8. Die Informations-Spießer und die Philosophen der asozialen Einsamkeit machen es sich zu einfach: sie leugnen das Dilemma zwischen Auswahl und Dosierung von Informationen einerseits und Ignoranz und Indifferenz andererseits.

(Bernhard Pörksen, SZ 2./3.10.19)

9. Die gegenwärtige Welt ist hochkomplex und kann nur auf dieser Ebene treffend analysiert werden.

10. Dafür sind wir selbst verantwortlich.

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.