Katharina Bader, 39, ist Professorin für Online-Journalismus an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Sie klärt uns darüber auf, wie Falschmeldungen in Deutschland funktionieren (SZ 14./15.8.19):
„Untersuchungen zeigen, dass Falschmeldungen sich in Deutschland nicht so sehr von User zu User verbreiten, sondern vor allem dank einiger großer Accounts und Gruppen mit vielen Abonnenten, die von populistischen Politik- und Medien-Akteuren betrieben werden. Diese Seiten werden dann von Menschen, die ohnehin ein rechtspopulistisches Weltbild teilen, meist bewusst angesteuert.“
„Das Problem sind .. viele kleine Lügen, die die Realitätswahrnehmung langsam verschieben: Aus der völlig zu Recht zur Anzeige gebrachten Grapscherei eines 14-Jährigen, begangen an einem gleichaltrigen Mädchen im Schwimmbad, wird auf Seiten wie ‚Halle Leaks‘ eine versuchte Vergewaltigung an einem Kind durch einen ‚fetten Grapsch-Islamisten‘. Die Tat ist also nicht komplett erfunden, aber das Verbrechen größer, das Opfer jünger und der Täter älter und fremder gemacht.“
Es gibt drei wiederkehrende „recht konkrete“ Narrative:
1. „Wir Deutsche werden in unserem alltäglichen Leben ständig bedroht von kriminellen Ausländern – im Schwimmbad, in der Schule, in der Fußgängerzone.“
2. Politische Eliten in Deutschland haben „ihr“ Volk kriminellen Ausländern ausgeliefert und versuchen nun zu vertuschen, wie groß die alltägliche Gefahr ist.
3. „‚Normale Deutsche‘ und Menschen mit einer rechten Gesinnung werden in Deutschland grundsätzlich nicht gehört und diskriminiert.“
Viele Verbreiter dieser Narrative stammen ursprünglich aus Westdeutschland, haben ihr Handwerk dort in linken Publikationen gelernt und inszenieren sich als die Stimme der Ungehörten (vorwiegend im Osten). Der Unterschied zwischen Ost und West ist graduell.
„Stattdessen muss ein glaubwürdiges und wirkungsmächtiges Gegennarrativ etabliert werden. Am besten ein gesamtdeutsches.“