Der „Spiegel“ war und ist ein stolzes Blatt. Erfolgreich hervorgegangen aus der „Spiegel-Affäre“ 1962 (Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1966), bekannt durch die Aufdeckung von großen Skandalen. Schatten waren später gefallen auf das Bild des Nachrichtenmagazins, weil in den frühen Jahren der Zeitschrift viele Nazis in der Redaktion arbeiteten. Rudolf Augsteins Geschichte ist weithin bekannt. Besonders stolz war man beim „Spiegel“ auf die 80-köpfige Abteilung Dokumentation, von der die Geschichten des „Spiegels“ gecheckt wurden und werden. Auch diese Abteilung hat im Fall des
Fälschers Claas Relotius
versagt. Der arbeitete überwiegend als Reporter und hatte dem Blatt rund 60 Fälschungen (in großen Teilen erfundene Personen und Begebenheiten) untergeschoben. Hinweise darauf hatte zuerst (bereits 2013) und hauptsächlich der „Spiegel“-Kollege Juan Moreno gegeben. Es handelt sich um einen der größten Skandale der deutschen Pressegeschichte. Ob sich der „Spiegel“ davon erholt, ist noch nicht ausgemacht. Angeblich gibt es bisher keine Einbußen im Anzeigengeschäft und nur wenige Abo-Kündigungen.
Der „Spiegel“ hatte eine Untersuchungskommission (Redakteure Clemens Höges und Stefan Weigel sowie Brigitte Fehrle, früher Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“) eingesetzt, die am 24. Mai 2019 ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Die Berichterstatter waren Verlagschef Thomas Hass, Chefredakteur Steffen Klusmann und Brigitte Fehrle. Publiziert wird der Bericht im Blatt und bei „Spiegel-Online“. Danach trifft die Förderer des Fälschers, Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, eine Mitschuld, weil sie die Arbeit von Relotius nicht genug überprüft hätten. Beide hätten auch wenig zur Aufklärung des Falls beigetragen.
„Die Reaktionen auf den Whistleblower Moreno sowie das Handling des Falles in den ersten Tagen und Wochen waren langsam und mangelhaft, geprägt von Vertrauen gegenüber Relotius und Misstrauen gegenüber Moreno.“
„Es wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war.“
Der Umgang mit Juan Moreno hat besonders Brigitte Fehrle geschockt. Als die fünf Faktoren für den Erfolg des Fälschers zählen die Autoren des Berichts auf:
1. die Stilform der Reportage,
2. den verführerischen Druck durch Journalistenpreise,
3. die Konstruktion des Gesellschaftsressorts innerhalb des „Spiegels“,
4. das Versagen der Abteilung Dokumentation,
5. den unzulänglichen Umgang mit Fehlern.
Eine Katastrophe für den „Spiegel“ und den deutschen Journalismus. Das ist Wasser auf die Mühlen der Neo-Nationalisten bei der AfD. Und damit noch nicht erledigt. Der „Spiegel“ betont, dass das Gesellschaftsressort wohl aufgelöst und über das Blatt verteilt wird. Das kann nicht alles sein. Wir müssen darauf achten, dass die guten und bewährten Prinzipien des traditionellen Journalismus wieder eingehalten werden. Zu viel Achtung vor „stimmigen“ Geschichten führt in die Irre. Sie müssen stimmen.
(Christian Meier, Die Welt 25.5.19; Carsten Germis/Axel Weidmann, FAZ 25.5.19)