Volker Schlöndorff ist der vielleicht größte deutsche Filmregisseur nach 1945 (neben Alexander Kluge, Edgar Reitz, Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder). Er wird achtzig Jahre alt. Mit „Der junge Törless“ 1966 (nach Robert Musil) hat er den ersten erfolgreichen Film des jungen deutschen Films gedreht. Für „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ 1975 hat er eng mit Heinrich Böll zusammengearbeitet. „Die Blechtrommel“ (nach Günter Grass) 1979 war der erste große internationale Erfolg des neuen deutschen Films. Damit gewann er die goldene Palme in Cannes und den Oscar für den besten ausländischen Film. Es folgten dann noch so erfolgreiche Literaturverfilmungen wie „Die Fälschung“ (nach Nicolas Born) 1981, „Tod eines Handlungsreisenden“ (nach Arthur Miller, mit Dustin Hoffman) 1985 und „Homo Faber“ (nach Max Frisch) 1991. In Anlehnung an Frischs „Montauk“ erschien 2017 auf der Berlinale Schlöndorffs „Rückkehr nach Montauk“. Schlöndorff hat gezeigt, dass die Genres Literatur und Film einander nicht fremd sein müssen, sondern sich produktiv durchmischen können. Das ist nur für die ein Problem, die von Literatur nichts verstehen. Und häufig auch nicht vom Film.
Volker Schlöndorff ging 1955 nach Frankreich und machte in Paris sein Abitur (wo Bertrand Tavernier sein Sitznachbar war). Dabei lernte er die Nouvelle Vague kennen (insbesondere Jean-Luc Godard und Francois Truffaut). Er hat sich in der Cinemathèque francaise gebildet und war anschließend Regieassistent bei Louis Malle, Alain Resnais und Jean-Pierre Melville. Schlöndorffs Plan in den achtziger Jahren scheiterte, sich filmisch endgültig in den USA niederzulassen, weil er nicht bereit war, seine hohen literarischen Ansprüche aufzugeben. Nach der Vereinigung Deutschlands kam er zurück nach Deutschland und war in Potsdam in den ersten Jahren danach Geschäftsführer der DEFA in Potsdam-Babelsberg. Er drehte weiter Filme, war aber keineswegs unkritisch gegenüber der Filmindustrie. So kritisierte er den Trend zu „amphibischen“ Filmen. Das sind solche, die aus Kostengründen gleich für Film und Fernsehen gemacht werden. Dabei wird verkannt, dass Film und Fernsehen ästhetisch sehr verschiedene Medien sind.
Schlöndorff ist ein politischer Intellektueller, kundiger Zeitzeuge und ein genauer Beobachter der deutschen Geschichte. Er hat seine politische Unabhängigkeit energisch verteidigt. Bis 1991 war er mit der Regisseurin und Produzentin Margarethe von Trotta verheiratet, mit der er auch Filme gedreht und produziert hat (Susan Vahabzadeh, SZ 30./31. 3.19; apl, FAZ 30.3.19). Ursprünglich war Schlöndorff politisch sehr links, in der Zeit seiner Zusammenarbeit mit Heinrich Böll galt er in der CDU als dem Terrorismus nah. Er war beteiligt an den Filmen „Deutschland im Herbst“ (1978, eine Episode) und „Der Kandidat“ (1980, gegen Franz Josef Strauß). Aber er hat sich entwickelt. Im Interview mit dem WDR sagte Volker Schlöndorff 2009:
„Wer nach 1989 noch links ist, muss ein Brett vor dem Kopf haben.“
Er meinte damit „die linke Ideologie“ und die „Planwirtschaft“, die er bei der Privatisierung der DEFA kennengelernt hatte. 2005 und 2009 hat er Angela Merkel (CDU) in ihrem Wahlkampf unterstützt.