Die Schriftstellerin Thea Dorn, 48, ist festes Mitglied im „Literarischen Quartett“. Dort besticht sie durch fundierte Unabhängigkeit. 2011 hat sie mit Richard Wagner geschrieben
„Die deutsche Seele“,
wo auf 560 Seiten von „Abendbrot“ bis „Zerrissenheit“ deutsche Eigentümlichkeiten behandelt werden. Jetzt beschäftigt Dorn sich (SZ 8.3.19) mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.
Für Dorn sind die fundamentalen Alleinstellungsmerkmale westlicher Kultur eine unverwechselbare eigene Identität und ein persönliches Ich. In rückständigeren Kulturen definierte dies nicht das Individuum, sondern die Familie, der Clan, die Religion, die „Blutsgemeinschaft“, die Sekte oder die kommunistische Partei.
Dorn möchte wissen, wie die vielen Ichs in ihrem Streben nach Selbstverwirklichung trotzdem friedlich und produktiv zusammenleben können. Auch wenn im 20. Jahrhundert der Aufstieg der westlichen Gesellschaften zu globaler Dominanz sich vollzogen habe. Möglicherweise beruhe die Krise dieser westlichen Gesellschaften gerade darauf, dass die freiheitlich-demokratischen Rechtsstaaten tatsächlich für a l l e Bürger da sein wollten. Dass also nicht mehr die
Frauen, Juden, Schwarzen, Homosexuellen
Bürger zweiter Klasse gegenüber den
„alten, weißen Männern“
seien. Friedrich Nietzsches zynische Lösung, dass die Aufforderung „Werde, der du bist!“ nicht für alle tauge, lehnt Thea Dorn vehement ab.
Dorn versteht den Triumph der vormals Diskriminierten, wenn ein Kampf für die Gleichberechtigung gewonnen ist. Sie versteht den Zorn der immer noch Diskriminierten. „Dennoch halte ich es für fatal, wenn die Noch-nicht-so lange-Gleichberechtigten ihre Aufmerksamkeit in erster Linie auf fortbestehende Kränkungserfahrungen richten statt auf neugewonnene Spielräume für Freiheit und Selbstverwirklichung.“
Das Paradox liberaler Gesellschaften liege darin, dass Menschen in ihnen nach Originalität, Einzigartigkeit, Differenz und gleichzeitig nach Anerkennung als Gleiche streben dürften. Fatal sei die Aussage „Schau her, ich gehöre einer Gruppe von Menschen an, deren Kränkungserfahrungen einzigartig sind und deren Gefühlshaushalte du deshalb nie verstehen wirst.“ Wenn dann auch noch die „alten, weißen Männer“ und die „Biodeutschen“ dazu übergingen, mit derselben identitätspolitischen Münze zurückzuzahlen, habe der
gesellschaftliche Zerfall
endgültig begonnen.