2309: Günter Kunert 90

Einer der letzten großen Männer der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert wird 90, Günter Kunert. In Berlin geboren lebt er seit 1979 in Kaisbostel bei Itzehoe. Die DDR hat er hinter sich gelassen. Weil seine Mutter Jüdin war, konnte Günter Kunert in der Nazizeit keine höhere Schule besuchen. Die Familie erlebte die Sowjets 1945 als Befreier. Kunert trat 1948 der SED bei, erkannte sich alsbald aber als Dissident. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Daraufhin wurde ihm 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. Mit einem Sondervisum konnte Kunert 1979 die DDR verlassen. Seit Mitte der sechziger Jahre hatte er eine Freundschaft mit dem bundesdeutschen Dichter Nicolas Born gepflegt, der im Wendland lebte. Günter Kunert hatte enge Beziehungen zu Bertolt Brecht und Johannes R. Becher.

Kunert ist in erster Linie Lyriker, hat aber auch in vielen anderen Textgattungen wie Kurzgeschichten, Erzählungen, Kinderbüchern und Essays reüssiert: z.B. „Abtötungsverfahren“ (1980), „Stilleben“ (1983), „Erwachsenenspiele. Autobiographie“ (1997), „Die Intellektuellen als Gefahr für die Demokratie“ (1999), „Die wunderbaren Frauen“ (2008). Seine Markenzeichen sind Nüchternheit und Skeptizismus, er erscheint in vielen Zusammenhängen lakonisch. Bei ihm ist alles klar und explizit. „Das führe ich auf zwei Gegebenheiten zurück. Erstens: Ich bin einfach kein DDR-Schriftsteller gewesen. Ich lebte da eine gewisse Zeit. Das war aber auch schon alles. Ich bin ein entheimateter Mensch. Auch meine Bindung an Berlin ist nicht doll. Ich hätte ja nach der Wiedervereinigung zurückgehen können. Immerhin besaß ich ein Haus in Buch. Aber ich wollte nicht. Das war abgetan. Zweitens: Die deutsche Tiefsinnstradition bedeutet mir nicht viel. Meine Idole waren amerikanische Lyriker wie Edgar Lee Masters oder Carl Sandberg. Die sind meine Heimat, wenn Sie das Wort unbedingt hören wollen, das heute wieder so hoch im Kurs steht. Ich halte aber nicht viel davon.“

Von Günter Kunert soll 2019 bei Wallstein der Roman „Die zweite Frau“ erscheinen, den der Schriftsteller nach vierzig Jahren „vor kurzem zufällig in einer Truhe entdeckt“ haben will (Tilman Krause, Die literarische Welt 2.3.19).

 

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