2270: „Stella“ in der Kontroverse

Wir haben eine neue große Literatur-Debatte. Sie geht um Takis Würgers „Stella“, einen Roman, der bei Hanser erschienen ist. In der Literaturkritik hat er neben Zustimmung vor allem wütende Ablehnung erfahren. So schreibt Thomas Assheuer in der „Zeit“ (24.1.19), die Literaturkritik sei

„entsetzt“

gewesen; „denn sie glaubte darin das Symptom für einen neuen Umgang mit der deutschen Vergangenheit zu erkennen: Die Wahrheit wird langweilig, es geht Autoren und Verlagen bald nur noch um große Gefühle und spektakuläre Geschichten“. „Dieser gedankenlose, literarisch unberatene Umgang mit den Dokumenten und Stimmen der Toten war der Hauptangriffspunkt der Verrisse.“ (Lothar Müller, SZ 19./20.1.19) Der vom Autor erfundene junge Schweizer Friedrich sei dazu da, „um beim Arrangement der historischen Kulissen möglichst frei schalten und walten zu können“. In dem Roman geht es um Friedrichs Verhältnis zu Stella, eine Berliner Jüdin, die 1942, um ihre Eltern vor dem KZ zu retten, viele Juden an die Gestapo verrät. Stella Goldschlag hat es tatsächlich gegeben. Für ihre „Arbeit“ ist sie rechtskräftig verurteilt worden.

Der Autor widmet den Roman seinem Urgroßvater Willi Wage, der 1941 während der Aktion T 4 vergast wurde. Daniel Kehlmann schreibt auf der Rückseite des Buchs: „Takis Würger hat sich etwas Aberwitziges vorgenommen: das Unerzählbare erzählbar zu machen.“ Der Autor formuliert am Schluss des Buchs eine lustig formulierte Danksagung: Dank an die Agentin, Dank an den Verlag, Dank an die Buchhändler. Und Dank „für die Goebbels-Zitate“.

Entspricht Takis Würgers „Stella“ einer postmodernen und neokonservativen Ideologie, in der Günter Grass‘ Literatur überholt ist und der Vergangenheit angehört? In „Stella“ kann der Leser Geschichte erleben, ohne dabeigewesen sein zu müssen. Solche Geschichten reichern die Vergangenheit mit Fiktionen an und erzeugen ein Gefühl von Gegenwärtigkeit und Selbstgefühl. In diesem Roman verdunkele sich die Weltgeschichte zu einem „anonymen Verhängnis“, schreibt Thomas Assheuer. Würgers Friedrich erkenne, „dass alle Menschen schuldig sind, jeder auf seine Weise, mal mehr und mal weniger. Schuld, so lernt der Künstler, ist die Signatur der Schöpfung, sie entspringt dem Leben selbst“. „Sinn entsteht, wenn Kunst die unvermeidliche Tragik der Menschheitsgeschichte ins Bild setzt und nebenbei noch das deutsche Publikum mit der Vergangenheit versöhnt.“ Nach Assheuer darf das nicht sein.

Er sieht in „Stella“ Parallelen zu Robert Menasses Fälschungen und in dem für den Oscar nominierten Film „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmark. Dirk Knipphals geht noch weiter (taz 19./20.1.19). Er stellt eine Beziehung von Würger zu dem Fälscher Claas Relotius her. Ihre Arbeit hätte einen gemeinsamen Boden: „den Wunsch nach in sich kongruenten, übersichtlichen, ins Große tendierenden und dabei doch hübsch plausibel klingenden und eingängigen Geschichten“. „Stella“ sei zu perfekt, um wahr zu sein, „auch zu perfekt, um literarisch wahr zu sein“. Der Roman „behauptet die kongruente Erzählbarkeit von Schrecken, die eigentlich nicht auszuhalten sind.“

Ich, W.S., werde den Verdacht nicht los, dass hier, statt hauptsächlich Literaturkritik zu üben, andauernd politische Korrekheit verlangt wird. Viele Kritiker lehnen Würgers Roman politisch ab und suchen dann dafür nach literaturkritischen Argumenten. Das überzeugt wenig.

Anders geht Richard Kämmerlings in der „Literarischen Welt“ (19.1.19) vor. Als seine Zeugen für eine gelungene Literatur über den Holocaust ruft er Primo Levi und Ruth Klüger auf. Und Peter Weiss. Zu Recht nennt er als ein gelungenes Beispiel einer kritischen Auseinandersetzung auch Eberhard Fechners Dokumentation „Der Prozess“ (1984) über den dritten Maidanek-Prozess. Als einziges Beispiel für eine gelungene Ausnahme vom Fiktionalisierungsverbot bei Holocaust-Themen wird Edgar Hilsenraths „Der Nazi & der Friseur“ erwähnt. Die Vorwürfe, die heute Takis Würger gemacht würden, seien auch schon Jonathan Littel für seinen Roman „Die Wohlgesinnten“ gemacht worden: „das Leid der Opfer und die Schrecken des Holocaust lediglich zu benutzen, um damit die Toten gar ein zweites Mal zu bloßen Objekten, zu ‚Material‘ zu machen – diesmal für eine auf Verkaufserfolg zielende Geschichte“.

Heute gelte immer noch die mystifizierende Behauptung von der „Undarstellbarkeit“ des Holocaust-Grauens, so Kämmerlings. Sie verbinde sich mit der Tabuisierung der Tätersicht, der eine automatisch relativierende, schuldabwehrende Wirkung, wenn nicht gar Intention unterstellt werde. Das lehnt Kämmerlings ab. Würger begehe nicht den Fehler, sich in Stella tatsächlich hineinversetzen zu wollen. „Im Gegenteil wird durch die authentischen Aussagen der von ihr verratenen Juden die Distanz stets im Bewusstsein gehalten.“

„Natürlich sind es die Nazis, die Stella erst in diese ausweglose Lage bringen. Aber dass es Schuld gibt (und eben nicht nur äußere Zwänge), ist die Kernaussage des Romans. Ihre Schuld trennt Stella von ihren Opfern, die keine Wahl mehr haben. Takis Würger mag es manchmal an den richtigen Mitteln fehlen, aber der Sinn und Zweck seiner Geschichte sind nicht falsch.“

Das stimmt (W.S.).

(Lothar Müller, SZ 19./20.1.19; Dirk Knipphals, taz 19./20.1.19; Richard Kämmerlings, Literarische Welt 19.1.19; Thomas Assheuer, Die Zeit 24.1.19)

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.