2223: „Alter weißer Mann“

Felix Stephan diskutiert, warum die Dominanz des „alten weißen Mannes“, der als Wurzel vieler Übel identifiziert und beschrieben wurde, nicht schneller zu Ende geht (SZ 12.12.18). Als Protagonisten führt er ins Feld

Martin Walser,

Harald Martenstein und

Frank Castorf.

„Womöglich hat das mit dem Begriff selbst zu tun: Die Konjunktur des ‚alten weißen Mannes‘ markiert nicht nur eine demografische Machtverschiebung, sondern auch eine neue Wissenskultur. Die Theorie lautet: Wissen ist niemals unpolitisch oder gar objektiv, sondern stets abhängig von der Position seines Trägers. Deshalb liegt der Unterschied schon darin, ob das Wort von einem weißen Mann erhoben wird oder von einer türkischstämmigen Frau.“

„Der Begriff ‚alter weißer Mann‘ bezeichnet deshalb nicht nur ein demografisches Phänomen, er ist vor allem ein Slogan, eine Chiffre für

Rassismus, Patriarchat und Sexismus.

Er ist aber auch eine Chiffre für

Eurozentrismus und Imperialismus,

sogar für Aufklärung, Idealismus und Rationalismus.

Er meint alles, was irgendjemandem schon mal auf die Nerven gegangen ist und bietet damit Potenzial. Kaum ein Missstand, der sich nicht durch ihn begründen ließe.“

„Die pluralistische, feministische, postkoloniale Kulturrevolution hat ihren Gegenspieler, wie der Zauberlehrling, der von seiner eigenen Kreatur fast erschlagen wird, auf gewisse Weise erst erfunden.“

„Der Kampfbegriff ‚alter weißer mann‘ hat seine Verdienste, wenn es darum geht, Koalitionen zu schmieden und Reihen zu schließen. Eine Utopie, ein inspirierendes Gegenmodell zum Bestehenden deutet er eher nicht an. Gut möglich, dass die Diagnose, die der Historiker

Götz Aly

den Achtundsechzigern ausgestellt hat, auch auf die heutigen Kulturrevoltionäre zutrifft: Obwohl sie sich radikal anders begreifen als ihre Eltern, sind sie doch unverkennbar deren Kinder. Sobald man genauer hinschaut, wiederholen sich die Muster.“

Dies schreibt Ihnen ein alter weißer Mann. Mit Lust.

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