2193: Land ohne Neuanfang

Nach „Shanghai fern von wo“ (2009), und „Landgericht“ (2012), für den sie den Deutschen Buchpreis gewann, legt Ursula Krechel mit

„Geisterbahn“ (Salzburg und Wien 2018, 640 S.; 32 Euro)

ihren dritten Roman vor, der sich mit den Verfolgten des Nazi-Regimes beschäftigt und mit der Gefühllosigkeit einer Nachkriegsgesellschaft, die alles dafür tut, das Vergangene nicht an sich herankommen zu lassen.

Im Mittelpunkt steht die Sinti-Familie Dorn, die durch das gesamte Programm für Sinti und Roma im Nazi-Regime gegangen ist. Sie sind Schausteller. Der Nazi-Apparat konnte sich auf sein spitzelndes Volk verlassen. „Lehrer, Nachbarn und Hobby-Genealogen waren die Zuträger und nahmen der Polizei die Arbeit ab.“ Die Familie Dorn leistet Zwangsarbeit, eine Tochter wird zwangssterilisiert. Die Überlebenden der Familie sind bis an ihr Lebensende davon gezeichnet.

Es treten auf in der Umgebung der Dorns Kommunisten, die selber untertauchen müssen, ein angehender Arzt, der sich notgedrungen anpasst, eine Hotelerbin und der Vater des Erzählers, ein Polizist, Bernhard Blank. Was er tatsächlich auf dem Kerbholz hat, bleibt im Vagen, blank eben. Historische Figuren ergänzen die Gesellschaft. Als Politiker Konrad Adenauer, als Schriftsteller Peter Weiss und Stephen Spender.

Ursula Krechel schildert die äußeren Wunden der Dorns und die nicht sichtbaren. Noch immer sind bei ihr die Übergänge von Realität und Fiktion zu erkennen, aber doch gibt es einen von den Fundstücken und historischen Quellen kaum unterbrochenen Erzählfluss. „Tatsächlich ist Ursula Krechels Sprache auf wunderbare Weise besonnen, keinesfalls nüchtern, aber eben auch nicht effektvoll. Immer wieder gibt es Sätze, die von einer bestechenden Wahrhaftigkeit und sprachlichen Schönheit sind – aber das Erzählen, so ausschweifend und genau es auch ist, hat zugleich etwas Verschwiegenes. … Ursula Krechel ist eine dezente Berichterstatterin des Geschehenen. Und doch ändert sich die Temperatur, der Rhythmus des Textes, je nachdem, ob sie Bernhard von den Dorns sprechen lässt oder mit ihrem Chronisten die Versäumnisse und Inkonsistenzen ihrer eigenen 68er-Generation abbildet.“ (Ulrich Rüdenauer, SZ 5.11.18)

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