2156: Georg Simmel (1858-1918) – der Außenseiter in der Soziologie

Als ich Sozialwissenschaften studiert habe (1968-1972), kam darin Georg Simmel nicht vor. Seinerzeit wurde alles vom Marxismus überlagert, nicht gelten gelassen, untergebuttert. Darunter leidet die Soziologie heute noch. Ich kannte Simmel aus den Schriften von Ludwig Marcuse (1894-1971): „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1968) und „Nachruf auf Ludwig Marcuse“ (1969).

Georg Simmel stammte aus einer reichen Berliner jüdischen Familie und musste sich ein Leben lang nicht um ein Gehalt bemühen. Er hatte keine ordentliche Professur, anfangs hatte man ihm nicht einmal einen Doktortitel verleihen wollen. Darin kam nicht zuletzt der tiefe preußische, akademische Antisemitismus zum Ausdruck.

Simmel war der Soziologe des Alltags. Er schrieb über Mode, Alpentouristik, Essen, Psychologie des Schmucks, Koketterie und andere Themen, die ansonsten in der Soziologie eher selten behandelt werden. Er schrieb literarisch, weshalb sich vieles von ihm sehr gut und leicht liest und weithin ohne die Stützung auf Datensätze und Signifikanzberechnungen auskommt. Er kannte sich sehr gut aus in dem, worüber er schrieb. Und die Menschen tauchten darin als Individuen auf, als Einzelne. Die moderne Gesellschaft erzeugt ihre Einheit durch scharfe Gegensätze. Unterschiede trennen nicht, sie schaffen Zusammenhalt. Entsprechend fiel bei Simmel der Exkurs über die Fremden in seiner „Soziologie“ von 1908 aus.

Simmels Schlüsselwörter heißen „Seele“ und „Tragik“, was seine Aussagen lebensphilosophisch macht. Da fehlt manchmal die wissenschaftliche Präzision. In seiner „Philosophie des Geldes“ (1900) ersetzt der Kreislauf des Geldes den organischen Zyklus des Lebens. Die Geldverhältnisse sind der Urgrund der Moderne. Geld macht alles verfügbar und verbindet alles mit allem. Es ist Freiheit und Zwang zugleich. Und wenn es Zwang ist, dann dient das Geld nicht dem Leben, sondern das Leben dem Geld. Simmel suchte keinen Ausweg aus den Widersprüchen der Moderne, er plädierte für stoisches Ertragen. Im Ersten Weltkrieg allerdings feierte er plötzlich die Schlacht als Reinigung vom abstrakten Geld. Über solche mörderischen Sätze schrieb Ernst Bloch (1885-1977): „Ein Leben lang sind Sie der Entscheidung ausgewichen, und jetzt finden Sie das Absolute im Schützengraben.“

Georg Simmel entlarvte einen leerlaufenden Liberalismus, also eine Freiheit, die gar nicht mehr weiß, warum sie frei sein soll. Die Vermehrung des Bruttosozialprodukts allein stiftet keinen Sinn. Georg Simmel ist hoffnungslos, also möglicherweise realistisch. Dem zeitgenössischen Finanzkapitalismus wird er damit gerecht. Der Riss zwischen Bürgerseele und Politik kommt bei ihm vor. Und dann ist die Frage, wie er geschlossen werden soll: autoritär oder demokratisch.

Hans-Peter Müller und Tilman Reitz haben ein

Simmel-Handbuch. Begriffe, Hauptwerke, Aktualität. Berlin (Suhrkamp) 2018, 960 S.,

herausgegeben, das alles Wichtige von Georg Simmel enthält. Geschlossener erscheint mir

Georg Simmel: Abenteuer des Lebens. Philosophische Versuche. Berlin (Klaus Wagenbach) 2018, 158 S.

(Thomas Assheuer, Die Zeit 20.9.18; Jürgen Kaube, FAS 23.9.18; Florian Welle, SZ 16.10.18)

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