Der ostdeutsche Erfolgsschriftsteller Christoph Hein (geb. 1944) („Der fremde Freund“ 1982, „Horns Ende“ 1985, „Willenbrock“ 2000, „Verwirrnis“ 2018), der auch als Dramatiker reüssiert und vor 1989 in westdeutschen Verlagen präsent war, gilt als Ossi-Versteher und unabhängiger Kritiker des Westens. Er lebt in Havelberg bei Berlin. Von ihm dürfen wir eigenständige Beurteilungen der Lage in Europa erwarten. Felix Stephan hat ihn für die SZ (24.8.18) interviewt. Ich bringe hier nur Auszüge aus den Antworten Christoph Heins:
„Auch der Antisemitismus ist 1945 nicht einfach verschwunden. Wie auch? Er hat nur länger als in anderen europäischen Ländern den Mund gehalten. Dass das jetzt alles wieder hochkommt, überrascht mich nicht. In meinem zweiten Roman ‚Horns Ende‘ aus dem Jahr 1985 ging es auch schon um diese Kontinuität. Dass ich da keinen Bruch gesehen habe, hat mir damals viel Ärger eingebracht. Aber wie sollte es anders sein? Es war ja die gleiche Bevölkerung.“
„Wir hatten 1968 den Prager Frühling, das hat das West-68 vollkommen überlagert. … Im Osten aber diskutierten damals alle die Frage, ob sich unsere Armee an der Niederschlagung des Aufstands in Prag beteiligte. Viele hatten die Truppenbewegungen Richtung Süden mit eigenen Augen gesehen. Aber der damalige sowjetische Staatschef Breschnew hat die Deutschen im letzten Moment gestoppt, sie mussten im Thüringer Wald halten. Man wollte keine deutschen Soldaten in Prag. Da hatte Breschnew mehr politisches Gespür als Walter Ulbricht, der unbedingt dabei sein wollte.“
„Später benutzte Barack Obama die dämliche Formulierung von der ‚Regionalmacht‘. Das führt eben dazu, dass 90 Prozent der Russen Putin heute verehren wie einst Väterchen Stalin, weil er etwas von dem zurückbringt, was sie gestern noch waren. … Wenn ich hier wissen will, ob es mir gut geht, schaue ich auf mein Konto. Da sehe ich: Diesen Monat geht es mir gut, nächsten wird es mir vielleicht nicht so gut gehen. Aber ich schaue doch nicht auf Deutschland. Die Russen haben das Bild des ‚heiligen großen Russlands‘, des Väterchens Russland, des ‚mit Blut getränkten russischen Bodens‘. Deshalb haben sie natürlich auch überhaupt kein Problem damit, die Krim zu annektieren. Das ist heiliger russischer Boden, ganz gleich, ob Nikita Chruschtschow das irgendwann irgendwem geschenkt hat. Die Krimtataren, die Kiewer Rus, das ist der Ursprung Russlands, das liegt alles dort. Deshalb verstehen sie auch gar nicht, was die Welt ihnen jetzt vorwirft.“