Als Helmut Ostermann kam der israelische Friedensaktivist Uri Avnery 1923 in Hannover zur Welt. 1933 ging er mit seinen Eltern nach Palästina. Anfangs durchaus unter zionistischen Vorzeichen. Mit 15 Jahren schloss er sich der Untergrundorganisation Irgun an, mit 19 nahm er den Namen Uri Avnery an und kämpfte als Soldat in dem Krieg, auf den 1948 die Staatsgründung Israels folgte. Dabei wurde er mehrmals schwer verwundet. Sein Kriegstagebuch „In den Feldern der Philister“ wurde sein erster Beststeller.
Dann seine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Avnery wurde Befürworter einer Zweistaatenlösung mit der gemeinsamen Hauptstadt Jerusalem. Dabei überschritt er viele Grenzen. Vom Beobachter zum Aktivisten und vom Publizisten zum Politiker. Avnery arbeitete hauptsächlich journalistisch, saß aber zwischen 1965 und 1981 drei Legislaturperioden für linke Splitterparteien in der Knesseth. 1982 traf er sich mitten im Libanonkrieg mit Yassir Arafat in Beirut. Das haben ihm die meisten Israelis nie verziehen. Avnery genoss weithin den Ruf eines Verräters. Arafat galt und gilt als Terrorist. 1992 gründete Avnery die Friedensinitiative Gush Schalom.
1961 war Avnery beim Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Einige seiner Formulierungen sind tatsächlich irtritierend. Er fragte sich z.B., ob jemand wie Adolf Hitler überall an die Macht hätte kommen können. „Auch bei uns in Israel? Wenn die Umstände ähnlich sind, kann es überall passieren.“ Dass es in Israel kaum Kritik am Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem gab, erklärt Avnery so: „Es war emotionale Begeisterung wie beim Einmarsch der Deutschen ins Sudetenland während des dritten Reichs. Das ist auch Ergebnis der Gehirnwäsche in Israel.“ Nach dem Nationalstaatsgesetz, nach dem in Israel nur Juden ein Selbstbestimmungsrecht genießen, fragte Avnery sich: „Wie kann ein normales Volk plötzlich ultranationalistisch werden?“ „Wir haben eine ekelhafte Regierung, die gar nicht daran denkt, Frieden zu schließen. Ein palästinensischer Staat neben unserem Territorium ist für Premierminister Nejamin Netanjahu total undenkbar. Frieden ist nicht erwünscht. Die Linke ist nur eine kleine Minderheit.“ (Alexandra Föderl-Schmid, SZ 21.8.18)