1995: Philip Roth ist gestorben.

Mit Philip Roth, geb. 1933, ist einer der großen Schriftsteller der Gegenwart gestorben. Für mich war er der größte. Ihm ging es um die jüdisch-amerikanische Identität und die Selbstbehauptung des Individuums in einer unübersichtlichen Welt. Aber all das unterminierte er durch Satire und Ironie, er spielte mit Fakten und Fiktionen, arbeitete mit Doppelgängern und Alter Egos, die ihm, Philip Roth, als Schriftsteller Briefe schrieben. Unsicherheit ist das Thema Roths. Seine Protagonisten sind meist männlich, jüdisch, Schriftsteller und leben in Newark/New Jersey, wo der Schriftsteller tatsächlich aufgewachsen ist. Robert Alter sagte: „Philip Roth schreibt immer über Philip Roth.“ Philip Roths Alter Ego war Nathan Zuckerman. Er war aber auch der Literaturprofessor David Kepesh, der in die Rolle des Schriftstellers Peter Tarnopol schlüpfte.

Philip Roth hatte 1955 seinen Master of Arts in Englischer Literatur gemacht. Danach war er zwei Jahre bei der Armee. Immer wieder lehrte er Literatur und Creative Writing an US-amerikanischen Universitäten. Mit Literaturpreisen wurde er reich bedacht (ich zähle sie hier nicht auf). Nur den Literaturnobelpreis bekam er bekanntlich nie.

Eine literarische Sensation war 1969 „Portnoys Beschwerden“. Darin schildert Roth den Monolog des Psychotherapiepatienten Alexander Portnoy, der von seinen von Schuldgefühlen gehemmten sexuellen Obsessionen berichtet. Das wurde als autobiografische Enthüllung verstanden. In den Kepesh-Romanen vergleicht der Literaturprofessor David Kepesh sein Schicksal mit dem von Franz Kafkas Gregor Samsa in „Die Verwandlung“. Philip Roth bezog sich in seiner Arbeit sehr stark auf Franz Kafka. Die schärfste Kritik erhielt Roth von orthodox-jüdischer Seite, die ihm jüdischen Selbsthass vorwarf.

Wie viele andere erfuhr Philip Roth eine starke Politisierung durch den Vietnamkrieg. Er schrieb über sich selbst in „Mein Leben als Mann“ und „Mein Leben als Sohn“. Roths literarischer Weg war von mancherlei Krankheiten, Zusammenbrüchen und einer schweren Herzoperation 1989 begleitet. Nach seinem Kurzroman „Nemesis“ (2010) gab Roth bekannt, nun nicht mehr schreiben zu wollen. Das hat er durchgehalten. Roths Beziehungsleben war zeitweise bewegt. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau unterzog sich der Schriftsteller einer fünfjährigen Psychoanalyse. Sein Analytiker Hans J. Kleinschmidt veröffentlicht darüber anonymisiert 1967 „The Angry Act: The Role of Aggression in Creativity“. Philip Roth war mit der britischen Schauspielerin Claire Bloom verheiratet. Die Ehe wurde 1994 geschieden, Roth kam in die Psychiatrie. Seine Ex-Frau publizierte 1996 ihre Memoiren unter dem Titel „Leaving a Doll’s House“.

Der US-amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom hält „Sabbaths Theater“ (1995) für Roths größten Roman. Er gilt als Bekenntnis des Autors zu seiner amerikanischen Heimat. Der ehemalige Puppenspieler Mickey Sabbath spielt mit Menschen, zumeist Frauen, wie einst mit Marionetten. Der Tod seiner langjährigen geheimen Geliebten stürzt ihn in eine Krise, er erkennt die Sinnlosigkeit des Lebens. Der ständig wiederkehrende Geist seiner Mutter rät Sabbath zum Selbstmord.

In der amerikanischen Trilogie „Amerikanisches Idyll“ (1997), „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) und „Der menschliche Makel“ (2000) reflektiert Philip Roth das Leben eines Sportidols, eines Radiostars und eines emeritierten Professors. Eine weites, von Roth aber voll beherrschtes Feld. Alter und Vergänglichkeit schieben sich thematisch in den Vordergrund. Gefolgt von „Verschwörung gegen Amerika“ (2004). Roth hat erkannt: „Juden sind Menschen, die nicht das sind, was Antisemiten über sie sagen.“ Und Mickey Sabbath weiß: „Beleidigen und beleidigen und beleidigen, bis es niemand mehr auf der Erde gibt, der nicht beleidigt ist.“

Roths Spätwerk ist von den vier Kurzromanen „Jedermann“ (2006), „Empörung“ 2008, „Die Demütigung“ (2009) und „Nemesis“ (2010) geprägt. Darin variiert Roth seine Erkenntnis: „Man verzerrt die eigene Biographie, karikiert sie, verbiegt und unterminiert sie, man beutet sie aus.“ In „Exit Ghost“ (2007) trifft Nathan Zuckerman auf eine Schriftstellerin. „‚Und wie gefällt Ihnen Amerika jetzt‘, fragte sie mich, ‚am ersten Tag der Wiederkunft?‘ ‚Der Schmerz wird vergehen‘, antwortete ich.“ (S. 122)

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