Unter den zahlreichen Publikationen zu Karl Marx 200. Geburtstag waren viele seriöse, manchmal sogar wissenschaftliche. Die habe ich bei weitem nicht alle gelesen, aber doch versucht, mir per Rezensionen und auf andere Weise einen Überblick zu verschaffen. Dabei sticht eine Publikation heraus, auf die ich hier näher eingehe:
Klaus Gietinger: Karl Marx, die Liebe und das Kapital. Frankfurt/Main (Westend) 2018, 351 Seiten.
Der Verfasser ist der bekannte und vielfach ausgezeichnete Sozialwissenschaftler, Autor und Filmregisseur Klaus Gietinger. Seine sozialwissenschaftliche Grundausbildung hat er in Göttingen (Diplom-Sozialwirt) erhalten. Herausragend sein Buch über die Ermordung Rosa Luxemburgs („Eine Leiche im Landwehrkanal“, erweiterte und überarbeitete Neuauflage 2009). Gietingers Film „Daheim sterben die Leut“ (1984) hat Kultstatus.
Der Haupttenor von Gietingers Buch lautet „Über Marx hinaus“ in Anlehung an ein Motto der Marx-Tochter Eleanor (Tussy). Das bedeutet, dass Gietinger uns sagt: Marx hatte recht. Und wir können ihn heute über seine treffenden Erkenntnisse hinaus zeitgemäß interpretieren und infolgedessen richtige politische Schlüsse daraus ziehen. An einer Stelle sagt Gietinger sogar, dass Marx die Natur in seine Überlegungen zum Wertgesetz einbezogen habe. Und zwar bei der Kritik des Gothaer Programms (1875) der SPD. „Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit.“ (S. 323) Die Quelle des gesellschaftlichen Reichtums sind hiernach Arbeit und Natur. Damit schafft Klaus Gietinger quasi die ökologische Ehrenrettung des Marxschen Wertgesetzes, nach dem eigentlich nur die ihr vergegenständlichte Arbeit wertschöpfend ist.
Marx‘ Leben wird in diesem Buch wie in einem Zwiegespräch zwischen Marx‘ Freund Friedrich Engels und Marx‘ Tochter Eleanor (Tussy) in einem „Roman eines Lebens“ erzählt. Dazwischen eingestreut unzählige Zitate vor allem aus Briefen (Marx, Engels, Tussy Marx, Jenny Marx, Ferdinand Lassalle, August Bebel, Wilhelm Liebknecht et alii). Aber Klaus Gietinger kennt auch seine Marx-Engels-Gesamtausgabe. Er ist ein gelehrter Schreiber. Dass Marx‘ Leben romanhafte Züge hatte, stellt er unter Beweis.
Aber Klaus Gietinger stellt für uns zusätzlich die Bezüge zur politischen – und Geistesgeschichte insbesondere des 19. Jahrhunderts her, die uns das Verständnis erleichtern. Als Referenzfiguren tauchen in dem Buch auf Bettina von Arnim, Heinrich Heine, Abraham Lincoln, über den Begriff „Sudelbücher“ Georg Christoph Lichtenberg und andere. Als Utopisten und Frühsozialisten sind dabei Thomas Morus, St. Simon, Fourier, Proudhon. Und viele, die nicht während ihres ganzen Lebens Freunde oder Partner von Marx waren: Bruno Bauer, Arnold Ruge, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Ludwig Feuerbach, Max Stirner, Moses Hess, Ferdinand Lassalle und andere. Gietinger setzt sich mit dem jüdischen Selbsthass auseinander. Er stellt auf den Antisemitismus in Deutschland ab. Marx und Gietinger mögen nicht:
den Protestantismus, Preußen, die Paulskirchen-Demokratie und die SPD.
Zu weit geht Gietinger, wo er in Russland den Übergang vom Feudalismus zum Sozialismus für möglich erklärt. Da herrschte in Russland ja der Stalinismus (1925-1955). Und ist der nicht heute partiell wieder da? An dieser Stelle hat der Autor Angst und versucht, sich durch den folgenden Vorspruch zu retten: „Frage: Sind Sie nicht ein Brandstifter, Herr Gauland? Alexander Gauland: Das wäre, als ob man sagt: Karl Marx hat Stalins Verbrechen zu verantworten.“
Unser Autor ist aber ein richtiger Marxist und bietet im letzten Fünftel seines Buchs das ganze Arsenal polit-ökonomischer Begriffe, das Nicht-Marxisten nicht in jedem Fall verstehen: Ware, Ideologie, Arbeitsteilung, Tausch, Produktivkräfte, Gebrauchswert, Tauschwert, W – G – W‘, Zirkulation, Akkumulation, w = v + m, relative Mehrwertrate, tendenzieller Fall der Profitrate, Krise, Zyklus, Expropriation etc. Keine leichte Kost. Sie lässt sich nur schwer in den Text integrieren. Und dann ist da noch die von Marx bei Hegel übernommene Dialektik. Sie kann leicht als der Taschenspielertrick verwandt werden, mit dem dann jede Entwicklung der Gesellschaft als Vorstufe zur Verelendung hingestellt wird. Egal, ob die Profitrate fällt oder nicht. Also: die üblichen theoretischen Mängel des Marxismus. Aber Marx wusste ja, dass er kein Marxist war.
Klaus Gietinger hat uns Karl Marx auch als Mensch näher gebracht. Und neuerdings finden ja sogar Hans-Werner Sinn und Reinhard Kardinal Marx in der Marxschen Analyse brauchbare Ansatzpunkte (FAS 29.4.18; SZ 22.3.18).
Der Autor kommt am Mittwoch, dem 23. Mai, um 19.30 Uhr
nach Göttingen
ins „Lumière“ und zeigt seine beiden neuen Filme „Wie starb Benno Ohnesorg – Der 2. Juni 1967“ (45 min) und „Lenchen Demuth und Karl Marx“ (45 min). Besorgen Sie sich Karten.