1762: Vater und Sohn Walser – im Gespräch

Hier kommt eine große Portion Klatsch auf uns zu. Die meisten von uns mögen mehr oder weniger insgeheim Klatsch ja sehr gerne. Und so wird sich das Buch gut verkaufen:

Jakob Augstein/Martin Walser: Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch. Rowohlt Verlag. 2017, 352 Seiten, 19,95 Euro.

Martin Walser, 90, und Jakob Augstein, 50, haben sich 2005 zum ersten Mal getroffen, nachdem beiden klar geworden war, dass Augstein Walsers Sohn ist. Eine in der deutschen Literatur- und Journalistenszene nicht ganz unbedeutende Tatsache. Es treffen aufeinander der des Nationalismus und Antisemitismus bezichtigte Groß-Schriftsteller und der linke Verleger und Publizist, der im Hause Augstein aufgewachsen ist. Da könnten nun die Fetzen fliegen. Das tun sie aber nicht (was die Kritikerin Julia Encke bedauert, FAS 19.11.17).

Es handelt sich eher um ein Interview. Der Sohn fungiert als Stichwortgeber. Und der Vater behält das letzte Wort. Gegenüber seinen Gegnern und Antipoden:

Hans Egon Holthusen (1913-1997), dem ehemaligen SS-Mann, dem Walser das nie vorgewofen hat,

Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), den Walser in „Tod eines Kritikers“ übel charakterisierte,

Ignaz Bubis (1927-1999), der Walser wegen seiner Paulskirchenrede 1998 „geistige Brandstiftung“ vorwarf,

Ruth Klüger (geb. 1931), der Schriftstellerin („Weiter leben“) und Kommilitonin aus Regensburg und

Frank Schirrmacher (1959-2014), der Walser vorgeworfen hatte, es gehe in „Tod eines Kritikers“ um den Mord an einem Juden.

Walser kann sagen: „In der Wasserburger Muttermilch war kein Antisemitismus.“ Augstein bleibt auffällig schweigsam, als Walser ihn darauf anspricht, dass Henryk M. Broder Augstein 2012 selber Antisemitismus vorgeworfen hat. „Dabei wäre die Tatsache, dass Vater und Sohn sich dem gleichen Vorwurf ausgesetzt sehen, doch die Grundlage für den interessantesten Teil eines tatsächlichen Gesprächs gewesen.“ „Dass sie sich anderen gegenüber schonungslos zeigen, einander aber bei den wichtigsten Themen so schonen, ist die Enttäuschung dieses wichtigen Buches.“

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