1736: DDR wollte „Hochleistungs-Flieger“.

Wie Recherchen der Doping-Opfer-Hilfe unter Leitung der ehemaligen Weltklassesprinterin

Ines Geipel

ergaben, hat es in der DDR den Versuch gegeben, die militärische Leistungsmedizin mit der Sportmedizin zusammenzulegen. „Das vermeintliche Sportwunder war demnach ein Ergebnis der Jagd von Militärs und Wissenschaftlern nach einem optimal normierten Körper, welcher der ‚Beherrschung des außerirdischen Raumes‘ dienen sollte – mit allen Mitteln. Nuklear- und Militärforschung, Nuklear- und Sportmedizin arbeiteten demnach in einer Vielzahl von Instituten an der Entwicklung eines ‚Hochleistungs-Fliegers‘.“ Für diesen Super-Kosmonauten wurde an Kaninchen ebenso geforscht wie an Krebskranken und Amateurboxern.

Ein ehemaliger Kugelstoßer aus Neubrandenburg, der gedopt worden war, danach 25 Jahre alkoholabhängig war und heute medikamentenabhängig ist, erschrak im August 2017, als er im Fernsehen sah, dass die chinesische Kugelstoßerin Li-jiao Gong den Titel gewann. Ihr Trainer war

Dieter Kollark,

der unseren Kugelstoßer jahrelang an der Sportschule betreut und mit Dopingmitteln versorgt hatte.

Rund 1 000 Sportlerinnen und Sportler haben sich gemeldet, denen Trainer und Ärzte Dopingmittel verabreichten, als sie noch Kinder waren. Von geschätzten rund 15 000. „Schweigen, das Ahnungslosigkeit entspringt, kann Aufklärung beenden. Schweigen, das in Schuld und Scham begründet ist, hält länger an.“ (Michael Reinsch, FAZ 28.10.17) 1 000 Fragebogen waren an Betroffene verschickt worden, 500 blieben unbeantwortet.

Im nächsten Sommer will der Greifswalder Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie,

Harald J. Freyberger,

seine einschlägige Forschung zu diesem Themenkomplex abgeschlossen haben. Seine Arbeit mit Überlebenden aus Konzentrationslagern der Nazis, mit Betroffenen von Zersetzungskampagnen der Stasi und mit Kriegsflüchtlingen hat ihn den Umgang mit Schweigen gelehrt.

Freyberger: „Sobald sie ein Narrativ liefern sollen, werden sie mit dem Trauma konfrontiert.“ „Spitzensport hat eine große Verführbarkeit, künstliche Erfolge zu erzielen.“ „Spitzensport ist eigentlich etwas fast Absurdes: Wir wollen das Maximum an Leistung, wir wollen das Maximum an Spaß, gleichzeitig wissen wir aber, dass die Athleten damit erhebliche gesundheitliche Risiken eingehen. Das ist die

Dialektik des Spitzensports.

Die Dialektik der politischen Betrachtung des Spitzensports finde ich fast noch kritischer. Unser Innenminister hat mehr Medaillen gefordert. Diese Forderung impliziert, und das weiß Herr de Maizière, dass die Doping-Anstrengungen in verschiedenen Sportarten hochgesetzt werden müssen.“

Freybergers These: Gedopte Athleten unterliegen einer vorzeitigen Zellalterung, die alle Körpersysteme betrifft und deshalb, vergleichbar mit den Folgen langjähriger Haft oder dem Aufenthalt im Konzentrationslager, zu einem erhöhten Erkrankungs- und Mortalitätsrisiko führt.

Ines Geipel sagt: „Dies kann nicht das Ende der Fahnenstange sein. Für die Betroffenen muss es eine Rente geben, das ist vollkommen klar.“ (Michael Reinsch, FAZ 28.10.17)

 

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