1614: Zum Tod von Simone Veil

Kurz vor ihrem 90. Geburtstag ist Simone Veil gestorben, die Grande Dame der französischen und europäischen Politik. Als sie 2010 als „Unsterbliche“ in die Academie Francaise gewählt worden war, unterstrich der Schriftsteller Jean d’Ormesson, der die Rede auf Veil hielt: „Wir lieben Sie, Madame.“ Präsident Emmanuel Macron sagte anlässlich ihres Todes, sie solle „uns allen“ ein Vorbild sein.

Nicht immer in ihrem bewegten Leben war Simone Veil die Zuneigung der französischen Nation so sicher. Als sie 1974 als Gesundheitsministerin unter Valéry Giscard d’Estaing das Gesetz zur Legalisierung der Abtreibung in der Nationalversammlung verteidigte, reagierte ein Teil der Franzosen mit Hass. Abtreibungsgegner sprühten „Veil gleich Hitler“ an ihr Haus, auf ihr Auto wurden Hakenkreuze gemalt. Falscher hätte diese Hetze nicht sein können. Simone Veil litt sehr darunter, wie sie später in ihrem autobiografischen Buch „Un vie“ schrieb.

Die hochbegabte Jüdin wurde unmittelbar nach ihrem Abitur mit 16 Jahren zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester von Nizza aus in das Konzentrationslager

Auschwitz-Birkenau

deportiert. Nur ihre Schwester und sie überlebten und kehrten 1945 nach Paris zurück. Während ihres Jurastudiums lernte sie ihren Mann, Antoine Veil, kennen (gestorben 2013). Drei Söhne gingen aus dieser Ehe hervor.

1979 wurde Simone Veil die Spitzenkandidatin der damaligen Präsidentenpartei UDF bei den ersten Direktwahlen zum europäischen Parlament. Sie hatte schon früh begonnen, sich für den

europäischen Versöhnungsprozess

einzusetzen. Die Wahl zur Präsidentin des Europaparlaments krönte diesen Einsatz. Bei einer ihrer letzten Wahlkampfveranstaltungen 1979 wurde der Saal von Anhängern des Rassisten Jean-Marie Le Pen gestürmt. Veil rief ihm zu: „Ich sage Ihnen nur eins. Sie machen mir keine Angst. Ich habe Schlimmeres überlebt. Sie sind nur ein Hasenfuß von SS.“

1993 wurde Simone Veil Sozialministerin unter Ministerpräsident Edouard Balladur. Mit Präsident Jacques Chirac verband sie das Bestreben, die Erinnerungen an die Schoa wachzuhalten. Sie bestärkte ihn gegen seine Kritiker, die Mitschuld des französischen Staates an der Judendeportation anzuerkennen. Sie stand an seiner Seite, als er die Gedenkstätte für die Opfer der Schoa in Paris einweihte. 2005 rief sie ihre Landsleute dazu auf, dem europäischen Verfassungsvertrag zuzustimmen. Nach ihrer Wahl in die Academie Francaise 2010 ließ sie sich ihre Lagernummer

78651

in ihren Akademie-Säbel gravieren (FAZ 1.7.17).

 

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