Schon der vierzehnjährige Ralf Winkler (geb. 1939 in Dresden) hatte Lust auf Mal- und Zeichenunterricht. In der DDR bedeutete das, sich auf Kummer mit den Behörden vorzubereiten. Sein erster Lehrer an der Volkshochschule war der spätere Filmemacher Jürgen Böttcher, der sich als Maler
Strawalde
nannte. Von den berühmten Kunsthochschulen in Dresden und Berlin wurde Winkler insgesamt viermal abgelehnt. So schlug der junge Mann sich als Briefträger, Heizer, Nachtwächter und Kleindarsteller beim Film durch. Hier war insbesondere in den Filmen von Boettcher Winklers Präsenz mit schwarz wallendem Haupthaar und undurchdringlich dichtem schwarzen Vollbart beeindruckend. Manche Filme wurden sofort verboten.
Von den verschiedenen Pseudonymen, die sich der junge Künstler in den sechziger Jahren gab, um irgendwo vielleicht doch in einen Künstlerverband aufgenommen zu werden, hat sich der von dem Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck entliehene Name
A. R. Penck
erhalten. Jedenfalls im Westen, wo man auf den Künstler aufmerksam geworden war. Als dann Harald Szeemann auf der Documenta 5 (1972) den ostdeutschen Maler in die für die Entwicklung der neueren Kunst so bedeutende Abteilung „Individuelle Mythologien“ aufnahm, wurde klar, dass hier ein Künstler wirkte, bei dem es sich lohnte, seine Entwicklung zu verfolgen. Er signierte meistens nicht mit A. R. Penck, sondern hauptsächlich mit Y. Er galt als einmaliger Naturbursche und „Wildfang“.
Die Akademie der Künste in West-Berlin verlieh Penck 1975 ihren prominenten Will-Grohmann-Preis. Damit wurde der Maler auch ein Dauer-Objekt der Stasi. Zumal Penck sogar mit dem westdeutschen Maler Jörg Immendorff zusammenarbeitete. Der Zoll beschlagnahmte willkürlich Gemälde. Schließlich wurde bei ihm gezielt eingebrochen, um seine Arbeiten zu zerstören. 1980, vier Jahre nach Wolf Biermann, wurde A. R. Penck ausgebürgert und musste in den Westen ziehen. Hier war er schnell ein Star neben Lüpertz und Baselitz. Er galt eine Zeit lang als „Vater der jungen Wilden“.
Penck hatte seine klar definierte Bildwelt schon in den sechziger Jahren zeichnerisch entwickelt. Die Farbe spielte eine untergeordnete Rolle. Die Malerhand bewegt sich nicht in kreisenden, suchenden Bewegungen, sondern in sicher geführten Strichen über die Leinwand oder das Papier. „Es sind Menschen- oder Tierfiguren, deren Anatomie und Gestik auf wenige, meist gerade Striche reduziert ist, also Strichwesen von ausdrucksstarker Schlichtheit, die an Höhlenmalereien erinnern, an Kinderzeichnungen, aber auch an Schmierereien auf Wänden, mit denen sich Erwachsene etwas von der Seele laden.“ Wie später bei den
Graffiti.
A. R.Penck hat der Welt die archaische Kraft elementar verkürzter Urformen vorgeführt. Damit hat er Geschichten erzählt. Was er schließlich in den letzten Jahren in Dublin und Zürich gemacht hat, wo er jetzt gestorben ist, bleibt vorerst sein Geheimnis (Gottfried Knapp, SZ 5.5.17).