Als ich hier am 30. November 2012 mit der Nummer 306 und unter dem Titel „Doch ‚Hineinschliddern‘ in den Ersten Weltkrieg?“ zum ersten Mal kurz über
Christopher Clark: The Sleepwalkers (Die Schlafwandler). Penguin Books 2012, 697 S., 39,77 Euro,
schrieb (hier noch nachzulesen; auch unter den Nummern 470, 475, 599, 606, 661), meinte ich: „Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es von irgendeiner Seite als Grund für revisionistische Schlussfolgerungen genommen wird. Die gegenwärtige deutsche Außenpolitik ist von Imperialismus und Kriegshetze meilenweit entfernt.“ Da hatte ich mich vielleicht getäuscht. Denn mittlerweile ist als Antwort auf Clark ein ernstzunehmendes Werk von deutschen Wissenschaftlern und Filmemachern erschienen, das Christopher Clark widerlegen will. Und das von der aktuellen politischen Analyse abgesehen mit geringem Erfolg.
Klaus Gietinger und Winfried Wolf: Der Seelentröster. Wie Christopher Clark die Deutschen von der Schuld am I. Weltkrieg erlöst. Stuttgart (Schmetterling) 2017, 345 S.
Die beiden Autoren sind seriöse Linke, die eine politökonomische Analyse des gesamten von Clark untersuchten Materials vorlegen. Klaus Gietinger ist ein bekannter und sehr erfolgreicher Filmemacher, dessen Film
„Daheim sterben die Leut'“
Kultstatus hat. Er hat Sozialwissenschaften in Göttingen studiert. Und er konnte mit seinem bemerkenswerten und ausgezeichneten Buch
„Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L.“. Berlin 1995, 190 S.,
über die Ermordung Rosa Luxemburgs durch Freikorpssoldaten 1919 zeigen, dass er ein Experte für die Imperialismus-Analyse im 20. Jahrhundert ist. Die Historikerzunft wurde 1995 von seinem Buch überrascht und hatte Gietingers Thesen, die in die gleiche Richtung gehen wie die Sebastian Haffners, nichts entgegenzusetzen. Gietinger hat zahlreiche Filmpreise gewonnen, zuletzt den deutschen Hörfilmpreis (2017). Winfried Wolf ist Dr. phil und Chefredakteur von „Lunapark21 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie“. Von 1994 bis 2002 hat er für die PDS/Linke im Deutschen Bundestag gesessen. Er ist auf die Analyse von modernen Kriegen spezialisiert und gilt als unorthodox, hat aber auch mit Ernest Mandel zusammengearbeitet, dem Chefideologen der europäischen Trotzkisten. Wolf sitzt im wissenschaftlichen Beirat von attac.
Lange Zeit hatten wir es uns angewöhnt, vom „Hineinschliddern“ in den Ersten Weltkrieg zu sprechen. So hatte es der britische Premier Lloyd George in seinen Memoiren 1933 ausgedrückt. Ich habe das noch im Gemeinschaftskundeunterricht (Abitur 1965) so gelernt. Es wurde in Deutschland gerne akzeptiert, weil damit von einer Alleinschuld Deutschlands nicht gesprochen wurde. Erst in Fritz Fischers Buch vom „Griff nach der Weltmacht“ (1962) wurde behauptet, dass die deutsche Reichsführung den entscheidenden Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte. Dies war die herrschende Lehre bis 2012. Ich habe sie in meinem Buch über die „Deutschen Diskurse“ (2009) aufgegriffen.
Dem Ganzen rücken Gietinger und Wolf zu Leibe. Ihr Buch ist gut geschrieben (also sehr lesbar) und sehr gut gegliedert und strukturiert. Schon in ihrem Vorwort schreiben die Autoren: „Gab es eine neue Interpretation bestehender Dokumente und Aussagen? Fehlanzeige – Clark versucht erst gar nichts dergleichen. Er ignoriert vielmehr Fakten und frisiert Dokumente. Neu sind vielmehr die Zeiten. Wir befinden uns in einem neuen weltweiten Rüstungswettlauf. Kriege werden wieder als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln begriffen.“ Darauf wollen sie also hinaus. Aber gerade hier hat das Buch seine Schwächen und kann so letztlich nicht überzeugen.
Nach dem Vorwort formuliert Wolf neun Thesen (S. 9-50), denen jeweils ein Zitat Clarks gegenübergestellt wird, das dadurch widerlegt werden soll. Beispiel These IX: „Die Debatte über das Clark-Buch ist eine Debatte über Krieg und Frieden heute.“ Dagegen Clark: „Heute haben wir es mit einem genuin multipolaren System zu tun. Der Vorsprung der Amerikaner im militärischen Sinn ist noch immer vorhanden. (…) Es entstehen neue regionale Machthaber (…) die Türkei, der Iran. Natürlich China. Und auch Russland ist stark im Kommen. In dieser Multipolarität zeigt sich die Ähnlichkeit zum Jahr 1914.“ Ergebnis: In der aktuellen Analyse hat Clark recht, nicht Wolf. Dieser formuliert bisweilen auch Binsenweisheiten wie: „Kriege sind menschengemacht.“ Das weiß doch jeder.
Es folgt Klaus Gietingers Text „Kein Griff nach der Weltmacht?“ (S. 51-302), dem ich mich genauer widmen will. Der Anhang ist reichhaltig, aussagefähig und für historische Laien sehr nützlich. Wir finden dort „die wichtigsten handelnden Personen“ (S. 303-305), eine „Chronik der wesentlichen Ereignisse“ (S. 306-319) mit einer genauen Beschreibung der „Julikrise 1914“. Gietingers und Wolfs Buch gibt uns aber auch einen treffenden Überblick über Clarks „Die Schlafwandler“ in Form einer kurzen Zusammenfassung (S. 320-326), der sehr lehrreich ist. Es folgt ein Nachwort Gietingers, in dem er die Rolle der Eisenbahn bei der Kriegsführung charakterisiert (S. 327-330) und dabei auf Marx und Engels zurückgreift. Nach der Kurzvita der Autoren finden wir die Literatur (S. 332-338) und das Personenregister (S. 339-345). Zwei Hauptgegner unserer Autoren wie Joachim Gauck und Joschka Fischer kommen vor, Fischer aber nur in einer Fußnote auf S. 30.
Gietinger und Wolf analysieren den Ersten Weltkrieg, diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ auf drei Ebenen. 1. Es ist ein Historiker-Streit. 2. Clark verzichtet darauf zu überprüfen, wie weit kapitalistische Mechanismen (Imperialismus, siehe Karl Kautsky und Wladimir I. Lenin) ursächlich für den Krieg waren. 3. Clark nimmt den Deutschen und Österreichern die Hauptverantwortung für den Krieg.
Zu Recht wird auf die Verletzung der Neutralität Belgiens hingewiesen. Die kriegstreibenden Aktivitäten von Rüstungsindustrie und Großbanken werden angemessen berücksichtigt. Die Autoren zeigen, dass bei Clark manche Kriegsverbrechen (z.B. Giftgas) nicht erwähnt werden. Die fundamentale Bedeutung der „Judenzählung“ 1916 für die Verschärfung des Antisemitismus wird aufgeführt. Und es gelingt Gietinger und Wolf zu demonstrieren, wie schon im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg die Steigbügelhalter-Funktion für Adolf Hitler von den Deutsch-Nationalen (u.a. Alfred Hugenberg) erfüllt wurde. Durchaus verdienstvoll. Bei Clark taucht Gustav Noske (SPD) mit seiner verhängnisvollen Rolle bei der Niederschlagung linker Aktivitäten am Ende des Weltkriegs nicht auf. Noske hat damit ja an einer entscheidenden Stelle zur Schwächung der Weimarer Republik beigetragen. Eine Tatsache, an der die SPD heute noch leidet.
Wo die Autoren aber, und dies tun sie sehr häufig und vorzugsweise, Clarks Analysen zeitgenössischer Konflikte aufgreifen und zurückweisen (Golfkrieg, „NATO-Krieg“ gegen Jugoslawien, Parallele Sarajevo 1914 und 11. September 2001, die Rolle Serbiens in Jugoslawien nach 1990, die „Ausgründungen“ Sloweniens und Kroatiens, den „Wirtschaftskrieg“ der Bundesrepublik, den Krieg in der Ukraine, den Krieg in Syrien und anderes), liegen sie meistens falsch. Das liegt daran, dass eine einfache polit-ökonomische Imperialismus-Analyse für die genannten Konflikte nicht ausreicht. Den platten russischen Nationalismus der Putin-Zeit kann man so nicht verstehen. Auch nicht die vielen sich widersprechenden Interessen in Syrien (Russland, Iran, Saudi-Arabien, Türkei, USA, EU, Israel etc.). Die Autoren sind außerstande zu verstehen, warum die große Bevölkerungsmehrheit der
Esten, Letten, Litauer, Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Rumänen, Bulgaren
aus dem russischen Einflussgebiet herauswollte und -will. Insofern gerät das ganze Buch in eine Schieflage und setzt damit seine guten Ansätze bei der Korrektur Clarkscher Fehler aufs Spiel.
Dass die Autoren so verdiente Historiker bei der Erforschung des Ersten Weltkriegs und des 20. Jahrhunderts wie
Herfried Münkler, Gerd Krumeich, Jörn Leonhard und Jörg Friedrich
teilweise falsch interpretieren, versteht sich da beinahe schon von selbst. Das ist ungefähr so wie den jungen Trotzkisten an der Humboldt Universität in Berlin, die den verdienten Historiker und Gewaltforscher
Jörg Baberowski
(„Räume der Gewalt“) als rechtsextrem diffamieren. Ähnliches hatten sie vorher schon bei Herfried Münkler, dem führenden deutschen Politologen, versucht. Baberowski versuche eben, die Geschichte umzudeuten, den deutschen Imperialismus von seinen Verbrechen reinzuwaschen, um neue Verbrechen, neue Kriege vorzubereiten. Gelehrt erscheinender Unfug. Wie bei den Linken mit ihren simplen und falschen Analysen.
In dem von Klaus Gietinger geschriebenen Teil (S. 51-302) ist alles noch eine Spur anders und dennoch im Tenor gleich. Der Autor kennt seine Quellen und scheut keine Auseinandersetzung, auch nicht im Detail. Und tatsächlich werden Clark hier einige Fehler, Auslassungen, schräge Interpretationen und freundliche Betrachtungen deutscher Politik um 1914 nachgewiesen. Der Autor komprimiert seine Darlegungen in acht Zusammenfassungen, in denen er an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt. Für ihn sind die Serben die Opfer und die Russen der Hauptgegner in Clarks Perspektive. Österreich-Ungarn werde als ein funktionierendes Gemeinwesen gezeigt und nicht als sterbender Vielvölkerstaat. Als Zeugen lässt der Autor sogar Joseph Roth (S. 62) und Karl Kraus (S. 210) auftreten. Und er spricht zu Recht vom Völkermord an den Herero und Nama (1904-1907).
Die Hauptmissetäter aber sind die SPD und ihr Reichswehrminister Gustav Noske (1919-1920). Wegen ihres Vorgehens in der „Novemberrevolution“. Dafür führt Gietinger auch Argumente an, versteift sich aber zu sehr darauf und auf die tatsächlich ziemlich unfähige Reichsführung um 1914. Eine Hauptrolle spielt dabei Reichskanzler Bethmann Hollweg. Gietinger verweist darauf, dass Clark von den beiden Interviews des deutschen Kaisers in der Krisenzeit eines weglässt. Natürlich spielen die Balkankriege 1912/13 und der „kranke Mann am Bosporus“ eine große Rolle.
Auf der anderen Seite arbeitet Gietinger die sieben Vermittlungsversuche des britischen Außenministers Edwar Grey (1905-1916) heraus. Er berücksichtigt die Rolle der Türkei und die deutsche Perspektive auf den Nahen Osten. Das alles klingt beinahe aktuell, aber auch Gietinger übertreibt es mit den Parallelen zur Gegenwart, die nicht gegeben sind. Es trifft zu, dass der Schlieffenplan „kriegstreibend“ war. Auch stellt Gietinger nicht zu Unrecht auf den „pangermanischen Imperialismus“ ab (Bürgertum, Publizistik, Kapital, Armee, Konservative, „präfaschistische Alldeutsche“) und einen „Kulturimperialismus“ (Kurt Riezler). Aber so etwas gibt es heute fast nicht mehr in Deutschland. Auch nicht den Primat des Militärs.
In der Julikrise 1914 hat die SPD gewiss keine gute Rolle gespielt. Auch waren die Ultimaten Österreich-Ungarns so gehalten, dass sie den Krieg eher herbeiführten, als ihn zu verhindern. Hier lässt die Darstellung Clarks tatsächlich Lücken. „Der Höhepunkt Clark’scher Verzerrung, die man als konkrete Verfälschung bezeichnen kann, ist die Darstellung des ärgsten Bethmann’schen Fauxpas. In der Nacht des 29. Juli 1914 hatte der deutsche Kanzler Grey übermitteln lassen, die Deutschen überlegten, Belgien und Frankreich zu überfallen, Belgien aber nichts wegzunehmen, wenn es sich nicht wehre, und von Frankreich nichts zu annektieren, wenn England neutral bleibe.“ (S. 264) So kann bei Clark die Generalmobilmachung der russischen Armee als wichtigstes Element des Kriegsausbruchs erscheinen. Clarks Methodik des Unterscheidens zwischen „wie“ und „warum“ gaukelt nach Gietinger Objektivität nur vor. Der australische Forscher verbleibe im schlichten „Schwarz-Weiß-Bild“ (S. 282).
Im Schlusskapitel behauptet Gietinger, Clark sei mit seiner Revision der deutschen Geschichte „längst in die Urgründe der deutschen Kollektivseele abgetaucht“. Die deutsche Geschichtswissenschaft von den 60er bis zu den 90er Jahren habe er pulverisiert. Clark habe „verbrannte Erde “ hinterlassen. „Die deutschen Verantwortlichen werden durch Verdrehungen, Verkürzungen und zum Teil sogar richtige Verfälschungen von ihrer Hauptschuld befreit, …“ (S. 299) Danach lässt Gietinger einen großen Teil deutscher Historiker mit ihrer Reaktion auf Clark Revue passieren von Heinrich August Winkler bis Jörg Friedrich.
Bei der Antwort auf die Frage, warum Clark so agiert, nennt Gietinger keine persönlichen Gründe. Es liege an der Zeit. Es sei die Zeit eines neuen Imperialismus, wo unter dem Vorwand der Terrorismus-Bekämpfung Weltpolitik betrieben werde. In diesem Zusammenhang spielten die deutschen Regierungen und die seit der Wiedervereinigung erstarkten deutschen Eliten „eine wichtige Rolle“. „Seit dem Ende des Kalten Krieges und mit dem Untergang der Sowjetunion erlangten die USA und die Nato eine neue Hegemonie. Dies führte über die Osterweiterung von EU und Nato zum Aufeinanderprallen mit einem ins Hintertreffen geratenen Russland, dessen Führung auf eine Wiederherstellung seiner Weltmachtrolle zielt und dabei offensichtlich bei den zwei aufstrebenden Großmächten, wenn nicht zukünftigen Weltmächten, China und Indien, Unterstützung sucht.“ (S. 301 f.)
Fazit: In dem Buch von Klaus Gietinger und Winfried Wolf werden Christopher Clark tatsächlich manche Fehler, Ungenauigkeiten und Verdrehungen nachgewiesen. Zur Erklärung ziehen sie, wie Clark, Vergleiche mit der aktuellen Politik der Gegenwart heran. Da liegt der Hauptmangel des gut gemeinten Bandes. Denn mit ihrer einfachen polit-ökonomischen Analyse können sie den Westen nur als imperialistisch und als Kriegstreiber identifizieren. Die völkerrechtswidrige Annektion der Krim durch Russland etwa sie ziehen gar nicht erst heran. Sie sind auf dem linken Auge blind. Ihre Analyse ist falsch. Ihr Buch ist gerichtet gegen die SPD 1914 und heute, gegen Angela Merkels Politik, gegen Joachim Gauck und Joschka Fischer. Gietinger und Wolf sind die Stichwortgeber und intellektuellen Helfer der Linken. Insofern warnen sie ungewollt vor Rot-Rot-Grün im Bund.