1532: Eribon beschwört den Geist von `68.

Didier Eribons Roman „Zurück nach Reims“ habe ich mit großem Gewinn gelesen. Und hier hat sich unter der Nr. 1417 der Intendant der Münchener Kammerspiele, Matthias Lilienthal, persönlich und sehr enthusiastisch dazu geäußert. Nun analysiert Eribon (FAS 16.4.17) die französischen Präsidentschaftswahlen am 23. April (Stichwahl: 7. Mai). Sein Ausgangspunkt dabei ist der Rechtsruck bei den französischen Wahlen der letzten Jahrzehnte. Mitverantwortlich dafür ist für Eribon der Kandidat des bürgerlichen Lagers, Emmanuel Macron. Durch seine „Modernisierung“ würden die Grenzen zwischen „rechts“ und „links“ verwischt, obwohl sich an der antagonistischen Struktur der Gesellschaft nichts geändert habe. „Konsequenz dieser Entwicklung war, dass die Linke ihren traditionellen Referenzrahmen aufgab und den der Rechten übernahm.“

Dagegen beschwört Eribon den Geist von `68. Ob das etwas nützt?

Viele Arbeiter gingen heute nicht mehr wählen. Und von denen, die sich beteiligten, gebe jeder zweite seine Stimme dem „Front Nationale“. Macron wolle das Parlament schwächen und die Verwaltung stärken, damit seine Reformen beschleunigt würden. Er gehe darauf aus, die Errungenschaften aus einhundert Jahren sozialer Kämpfe zu kassieren: das Arbeitsrecht, die Arbeitslosenversicherung etc. Das habe der Soziologe Pierre Bourdieu bereits 1996 vorausgesagt. Insofern seien Macron und Le Pen nur die Pole desselben Systems. „Dynamisch gesehen wählt man also mit Macron schon heute Le Pen.“

Zudem zeigten die in letzter Zeit zunehmenden Umfragewerte des linken Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, dass der „linke“ Diskurs sehr wohl auf Resonanz stoße. Der Kandidat dürfe nur nicht nationalistische Affekte („Vaterland“) ins Spiel bringen. Von da sei es nicht mehr weit bis zur Fremdenfeindlichkeit. Vielmehr müsse ein Denken entwickelt werden, das auf gesellschaftlichen Kämpfen aufbaue und den Internationalismus stärke. Auch sei es Unfug, den Erfolg der „Rechtspopulisten“ auf die „Identitätspolitik“ (für Frauen, Schwarze, sexuelle Minderheiten, Migranten und ökologische Fragen) zurückzuführen. So breite sich stetig eine „faschistoide Stimmung“ aus.

Eribons Programm: „Man muss nur an den Mai 1968 in Frankreich zurückdenken: zehn Millionen streikende Arbeiter, eine starke feministische Bewegung, der Kampf der Einwanderer, die Kritik am Justiz- und Gefängnissystem und so weiter. All diese Dinge zusammen sind die Linke.“

Bei aller Sympathie: hier handelt es sich um ein veraltetes Modell, dem gerade die Zuversicht derjenigen fehlt, die sich ihm anschließen sollen. Die Illusionen von 1968 sind zerstoben. Was Frankreich braucht, ist vor allem eine höhere

Produktivität.

Und weiterhin eine

sozialdemokratische Sozialpolitik

der kleinen Schritte, die mehr Gerechtigkeit verspricht als eine schematische Gunstgewährung nach Klassenlage. Und: Macron ist das weit geringere Übel als Le Pen!

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