Martin Luther (1483-1546), der Reformator, war ein Mann des Wortes, gewaltig, derb und direkt. Es gab aber neben der Musik der Reformation (etwa Paul Gerhardt, 1607-1676) noch ihre Bildsprache. Sie wurde hauptsächlich geschaffen von Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553) und seinem Sohn, Lucas Cranach dem Jüngeren (1515-1586). Sie waren nicht nur Maler und Grafiker, sondern vor allem Unternehmer. Wie um die Thesen aus Max Webers (1864-1920)
„Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1905)
zu bestätigen.
Der ältere Lucas Cranach war ein wohlhabender Patrizier. Er war nicht nur der Inhaber einer florierenden Malerwerkstatt, sondern auch Inhaber einer Apotheke, eines Weinausschanks und einer
Druckerpresse.
Außerdem Ratsherr und Bürgermeister. Ihm gehörten die prächtigsten Häuser direkt am Marktplatz. Seine Malerwerkstatt, in die sein Sohn früh eintrat, belieferte unzählige Höfe in Europa. Unter dem Markenzeichen einer geflügelten Schlange, die ihm von Friedrich dem Weisen verliehen worden war, der Cranach 1505 zum Hofmaler gemacht hatte. Lucas Cranach der Jüngere war mit 19 Jahren bereits Meister in der Werkstatt. Zwischen 1535 und 1550 arbeiteten beide Cranachs gemeinsam, ab 1550 leitete der Jüngere die Geschäfte.
Mindestens 5000 Bilder schufen Vater und Sohn. Davon sind heute noch 1500 erhalten. Alle fünf bis sechs Tage vollendeten sie ein neues Werk. Gesellen malten aus, was die Meister vorgezeichnet hatten. Für bestimmte Bestseller wie die Porträts des Reformators wurden Schablonen gefertigt. Noch heute streiten die Kunsthistoriker bei manchen Werken, ob sie vom Vater oder vom Sohn stammen. Diese Frage hätte sich den Cranachs nicht gestellt. Sie arbeiteten
gewinnorientiert.
Ihr Hauptmotiv war der Reformator. Als Augustinermönch, mit Doktorhut, mit seiner Frau, Katharina von Bora, als Prediger und schließlich als friedlich Entschlafener im Leichenhemd. Die Cranachs waren Maler, Drucker und Verleger. Der Vater verlegte Luthers Bibelübersetzung. Seine Gebrauchsgrafik prägte einen neuen Stil. Und die Porträts des Jüngeren gaben dem Christentum ein neues Gesicht: lebendiger und plastischer als im maskenhaften gotischen Stil. Luthers Zeitgenossen werden an Jesu Abendmahlstafel platziert. Die neuen Kirchen füllten sich mit neuen Altarbildern. Der prächtige
Flügelaltar der Wittenberger Stadtkirche
ist ein Beispiel des reformatorischen Selbstbewusstseins: hier sitzt die Wittenberger Oberschicht, Luther neben Melanchthon und Bugenhagen. Und der jüngere Cranach ist als bärtiger Mundschenk dabei.
Aus dem Jahr 1545 stammt ein
propagandistisches Doppelbild.
Links predigt Luther von einer schlichten Kanzel herab, über ihm die Taube, also der heilige Geist, die Gläubigen empfangen Oblaten und Wein. Rechts predigt ein fetter Mönch zu den Gläubigen, während ein Dämon ihm von hinten ins Ohr pustet. Daneben steht der prächtig geschmückte Papst vor einem Tisch voller Juwelen und Gold (Fritz Habekus, Die Zeit 23.3.17).