In einem Interview mit Zoe Sona (taz 8.3.17) erklärt die ehemalige Bundesvorsitzende von „Pro familia“ (2004 – 2010), Gisela Notz, den Begriff „Familismus“.
taz: Sie nennen die Überbetonung der familiären Ordnung Familismus. Was genau verstehen Sie darunter?
Notz: Das ist ein soziologischer Begriff, aber vor allem eine Ideologie. Sie sieht die bürgerliche Kleinfamilie – die mit staatlichem und kirchlichem Segen versehene heterosexuelle, monogame Vater-Mutter-Kind-Familie – als „naturgegebene“ und „gottgewollte“ Leitform einer Sozialstruktur an. Familismus ist eine Spielart des Antifeminismus, denn in der „Normalfamilie“ herrscht eine komplementäre Rollenaufteilung entlang der Geschlechterlinien. Die Mutter ist sorgende Hausfrau oder Zuverdienerin, der Vater der „Haupternährer“. Die Familie bildet den Dreh- und Angelpunkt der gesellschaftlichen Ordnung. Frauen glauben, sie müssten sich für die Familie aufopfern und ihre Bedürfnisse für sie zurückstellen. So dient die Familie als billigste Versorgungseinheit der Gesellschaft. Gerade in Zeiten, in denen sozialstaatliche Leistungen gekürzt werden, sorgt sie für Ausgleich. Die Wirkmächtigkeit des Familismus hat sich trotz aller Kritik der bisherigen Frauenbewegungen und deren Forderung nach Eigenständigkeit der Frauen erhalten.