Martin Walser ist unser produktivster Schriftsteller. Ungeheuer sein Oeuvre. Er hat fast zu viel geschrieben, um stets auf der Höhe seiner Darstellungskunst zu sein. Und so ist wohl auch der eine oder andere Bewerbungsschuss in Richtung Literatur-Nobelpreis verpufft. Walser liegt nicht auf der Linie der sozialdemokratischen Literaturbewerter in Stockholm. Anders als Günter Grass, der seine SS-Mitgliedschaft erst nach dem Nobelpreis kundgetan hat. Da hat sich das Nobelpreis-Komitee wahrscheinlich ziemlich geärgert. Macht nichts. Philip Roth hat den Preis bisher auch nicht bekommen. Etc.
Martin Walser wird nun 90. Er scheint bei bester Kondition. Auch wenn er mit „Statt etwas oder der letzte Rank“ angeblich sein letztes Buch vorgelegt hat. In der Magazin-Reihe „Der Spiegel-Biografie“ ist er nun der „Chronist der deutschen Seele“. Ein fulminanter Band, der nicht zuletzt von Walsers Geistesgegenwart lebt. Sehr gut recherchiert, großartig geschrieben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass hier viele Walser-Fans zu Wort kommen. Zum Beispiel Volker Hage.
Enthalten sind aktuelle Walser-Texte sowie eine Auswahl von Rezensionen seiner Werke, politische Schriften, Essays und Gespräche. Natürlich darf Walsers Rede 1998 als Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels nicht fehlen, in der Walser sich als Antisemit erprobte (vgl Wilfried Scharf/Martina Thiele: Die publizistische Kontroverse über Martin Walsers Friedenspreisrede. In: Deutsche Studien 1999, Heft 142, S. 147-208). Ein stärkerer Akzent hätte auf Walsers Rede „Über Deutschland reden“ (in: Die Zeit 4.11.1988, S. 65-67) liegen können, in der Walser bekundete, sich nicht mit der deutschen Teilung abzufinden. Und das in einer Zeit, in der das gesamte links-liberale Milieu noch den realen Sozialismus gutfand. Walser war seiner Zeit voraus. So oder so. In dem Band finden wir ein Gespräch mit Walser über die deutsche Einheit.
Wir werden informiert über „Finks Krieg“ und „Meßmers Reisen“ und vieles mehr. Ein ganzes deutsches Kaleidoskop. Und mit Bewunderung lesen wir Walsers „Danksagung an die deutsche Sprache“. Ohne Dunst und Krampf. Nur unsere wunderbare deutsche Sprache. Als Walser-Kritiker kommen zu Wort Peter Wapnewski, Reinhart Baumgart, Rolf Becker, Hellmuth Karasek, Joseph von Westfalen, Volker Hage. Und ausführlich Walsers Antipode Marcel Reich-Ranicki. Ein besonderes Kapitel („Tod eines Kritikers“). 1998 haben sich Martin Walser und Rudolf Augstein an der Cote d’Azur getroffen und ihre Geschichte reflektiert. Zentrale deutsche Themen. Dieser Band von „Spiegel“-Biografie wird Geschichte machen.
Gegen Ende rezensiert der neue Stern am deutschen Kritikerhimmel, Volker Weidermann, Walsers letzten Roman („Statt etwas oder der letzte Rank“). Es sei ein höchst verlässlicher echter Walser. „Die Feinde und ich – wir waren ein Team. Zur Unterhaltung der Welt.“ „Ich würde gerne in die Welt hinausposaunen: Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin.“ Thomas Mann lobt Walser für seine Anpassungsfähigkeit. Und Weidermann schreibt: „Seine Bewunderung für die klugen Positionswechsler ist in Wahrheit Verachtung.“ Ja. Ohne die kommt Walser nirgends aus. Walser spricht über die Frauen. Das wichtigste Thema, viele werden es gebannt erwarten. Walser: „Das ganze Treue-Brimborium ist nichts anderes als die kulturelle Verbrämung einer barbarischen Strafroutine.“ Volker Weidermann verortet Martin Walser „letztlich in der deutschen Mitte“. „Er meinte immer, besonders viele Feinde zu haben, doch er war vor allem ängstlich.“