Daniel Barenboim, den wir als Pianisten, Dirigenten und Intendanten kennen, hat in Berlin den Pierre-Boulez-Saal eröffnet. In der Französischen Straße in Mitte. Architekt: Frank Gehry. Akustik: Yasuhisa Toyota. Neben dem Saal, der 682 Hörer fasst, befinden sich die Räume der Barenboim-Said-Akademie mit ihrem Lehrbetrieb für Musiker aus dem Nahen Osten. Der Leitgedanke: Bildung durch Musik. Rita Argauer hat Barenboim für die SZ (3.3.17) interviewt.
SZ: Derzeit werden ständig neue Konzertsäle eröffnet. In Berlin eröffnen Sie nun selbst einen neuen Saal. Was zeichnet denn einen guten neuen Saal aus?
Barenboim: Ich will noch nicht sagen, dass unser Saal gut ist. Auf Englisch sagt man: „The proof of the pudding is only in the eating.“ Aber ich glaube, dass unser Saal gut ist. Denn er ist absolut einzigartig, weil er oval ist. Er ist nicht rechteckig wie die alten Säle noch ist er rund wie die neueren. Er ist variabel. Man kann die Bühne dort an eine konventionelle Stelle oder auch in die Mitte stellen, wie man will, sie drehen oder ganz herausnehmen. Und ich träume von Konzerten ohne Stühle, im Stehen. Oder besser noch: von Konzerten, bei denen das Publikum auf Teppichen sitzt.
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SZ: Muss man also von Kindheit an klassische Musik hören, um sie überhaupt verstehen zu können?
Barenboim: Früher war das auf jeden Fall so. Ich bin alles andere als sentimental, aber die musikalische Bildung war damals besser. Musik war ein Teil der Bildung. Jemand, der Pablo Picasso geschätzt hat, kannte auch Igor Strawinsky. Und derjenige, der den Maler Paul Klee bevorzugte, kannte auch den Musiker Arnold Schönberg. Heute jedoch kann man offenbar ein sehr gebildeter Mensch sein, ohne je einen Ton Musik gehört zu haben. Man kann vieles über Psychologie, Literatur, Philosophie oder Theater wissen und ein richtig kulturell gebildeter Mensch sein, ohne je mit Musik in Berührung gekommen zu sein. Das war früher nicht möglich. Und wenn wir in fünfzig Jahren noch ein Musikleben haben wollen, müssen wir da etwas ändern.
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SZ: Was gibt die Musik den Menschen?
Barenboim: Die Musik gibt uns die Möglichkeit, Dinge zu spüren, die wir ohne Musik nicht fühlen würden. …
Manuel Brug schreibt in der „Welt“ (4.3.17): „Daniel Barenboim ist neben Valery Gergiev sicher der am besten bezahlte Klassikkünstler weltweit. Er hat nie darüber gesprochen, aber es dürfte einiges Geld von ihm selbst in sein Jugenorchester geflossen sein, wie vermutlich auch die 13 Millionen, die private Spender für die Barenboim-Said-Akademie aufgebracht haben. 20 Millionen Euro hat freilich auch der deutsche Staat in diese pädagogische wie humanitäre Maßnahme gesteckt. Das Gebäude wird dieser dritten Musikhochschule in der Stadt vom Land Berlin per Erbpachtvertrag für einen Betrag von einem Euro pro Jahr für zunächst 99 Jahre überlassen.“
Inzwischen ist der Pierre-Boulez-Saal mit Werken von Mozart, Schubert, Alban Berg, Jörg Widmann und Pierre Boulez eröffnet worden. Julia Spinola (SZ 6.3.17) schreibt dazu: „Barenboims Sohn, der Geiger Michael Barenboim, und der Pianist Karim Said, der Neffe des palästinensichen Literaturwissenschaftlers Edward Said, waren die Solisten in Bergs Kammerkonzert, das wie ein Bindeglied zwischen Mozart und Schubert auf der einen und Boulez auf der anderen Seite wirkte. Anna Prohaska schenkte Schuberts Gesangsszene warm flutende, leuchtende Soprantöne. Barenboim selber zeigte sich in der Schubert-Komposition und in Mozarts Klavierquartett als traumwandlerisch sicher phrasierender Pianist.“
Was ist es für ein Glück für uns, dass Daniel Barenboim hauptsächlich in Berlin arbeitet!