1479: Die algerische Wunde

Mitte Februar hat der unabhängige Kandidat im französischen Präsidentschaftswahlkampf, Emmanuel Macron, in Algerien die Kolonisierung als ein Verbrechen gegen die Menschheit bezeichnet, für das Frankreich sich entschuldigen müsse. Das hat im rechten Lager Entrüstung hervorgerufen. Insbesondere bei dem 1972 gegründeten Front Nationale.

Algerien ist vielleicht die schmerzlichste Wunde in der unbewältigten kolonialen Vergangenheit Frankreichs. Manche Franzosen haben algerische Wurzeln, einige waren als Soldaten im Algerienkrieg, den erst Charles de Gaulle beenden konnte, viele Franzosen sind als pied-noir in Algerien aufgewachsen. Der Algerienkrieg erklärt zum Teil die Spaltung der französischen Gesellschaft und die Unruhen in der Banlieue. Die französische Polizei hat ihren postkolonialen Rassismus noch nicht überwunden.

Im Geschichtsunterricht erschien vor allem die „Größe“ des französischen Kolonialreichs. Die dunklen Seiten (Massaker, Repression, Diskriminierung der einheimischen Bevölkerung, Folter, alles Verstöße gegen die Menschenrechte) wurden eher nur am Rande erwähnt. Bei Ausbruch des Algerienkriegs 1954 lebte etwa eine Million Franzosen in Algerien. Dort wurde die Weltanschauung eines Schriftstellers und Philosophen wie Albert Camus („Der Fremde“) geprägt.

Am Ende des Kriegs wurde ein Teil der frankreichtreuen Algerier, die in der Armee dienten, die „Harkis“, nach Frankreich in unwürdige Lager gebracht. Die anderen wurden im Stich gelassen und oft von den Truppen der Nationalen Befreiungsarmee (FLN) massakriert. Etwa 800000 pieds noirs kehrten nach Frankreich zurück. Die Zeit des schamhaften Beschweigens begann.

Der Prozess der Verdrängung lässt sich illustrieren am Beispiel der Nacht des 17. Oktober 1961. Die Pariser Polizei stand unter dem Befehl von Maurice Papon, der 1998 für Verbrechen gegen die Menschheit zur Zeit der deutschen Besatzung zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sie schlug eine friedliche Versammlung von Algerieren blutig nieder, die trotz Ausgangssperre demonstrierten. Es soll bis zu 200 Toten gegeben haben. Erst 1999 bezeichnete ein Pariser Gericht dieses Ereignis als Massaker. 2001 wurde von der Stadt Paris eine Gedenktafel auf der Brücke St. Michel eingeweiht (Cécile Calla, SZ 27.2.17).

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