1476: Yasmina Reza: Die Sehnsucht nach Identität ist absurd.

Die Französin Yasmina Reza ist die erfolgreichste Dramatikerin der Welt. Furore machte 2007 ihr Porträt des französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy. Ihr Stück „Der Gott des Gemetzels“ wurde 2011 von Roman Polanski verfilmt. Seit 1997 veröffentlicht Reza auch Prosa. Sie wurde für die FAZ (25.2.17) von Sandra Kegel interviewt.

FAZ: Fragen nach Zugehörigkeit, das Ringen um Identität, das treibt dieser Tage nicht nur Franzosen um.

Reza: Das erstaunt mich. Alle Welt tendiert heute dazu, Gruppen zu bilden, die sich auf bestimmte Identitäten gründen. Die Suche nach einer französischen Identität erscheint mir vollkommen absurd. Diese Sehnsucht nach einer nationalen Identität ist mir fremd. Ich für meinen Teil bin jedenfalls schon immer vom Gefühl der Nichtzugehörigkeit geprägt gewesen. Ich habe mich auch nie darum bemüht, irgendwo dazuzugehören. Weder wollte ich dem literarischen Milieu angehören noch der Welt des Theaters, ich wollte zu nichts und niemandem gehören. Medaillen der Akademien habe ich immer abgelehnt.

FAZ: Aber warum?

Reza: Um meiner Freiheit willen. Sobald sie irgendwo dazugehören, sind Sie auch schon darin gefangen.

FAZ: Viele ihrer Stücke wurden auf deutschen Bühnen und nicht in Frankreich uraufgeführt. Warum eigentlich?

Reza: Weil das deutsche Theatersystem phantastisch ist – einzigartig in der Welt. Dass jede Stadt ihr eigenes Haus hat, verleiht der Theaterlandschaft eine Vitalität, wie es sie in Frankreich nicht gibt. Bei uns ist alles viel schwerfälliger. Und alles spielt sich in Paris ab. In Deutschland gibt es viel größere Vielfalt. Und ich habe dadurch das Glück, meine Stücke nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg, Frankfurt oder München zu sehen – mit unterschiedlichen Schauspielern, in verschiedenen Inszenierungen.

FAZ: Sind Sie gern in Deutschland?

Reza: Tatsächlich fühle ich mich in Deutschland verstanden. In Frankreich neigt man ja dazu, die Deutschen als ernst und schwerfällig zu karikieren. Ich habe das anders erlebt. Sicher, die Deutschen haben ein schwieriges historisches Erbe und mitunter eine Ästhetik, die von der unsrigen weit entfernt ist, eine Tendenz zur Ernsthaftigkeit. Aber sie haben auch eine Seite, die leicht ist und voller Esprit. Man kann immer mit ihnen lachen.

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