1445: Zygmunt Baumann ist tot.

Der große Soziologe Zygmunt Baumann (1925-2017) ist gestorben. Er war ein in vieler Hinsicht außergewöhnlicher Zeitgenosse. 1925 in Polen geboren, floh seine jüdische Familie nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen in die Sowjetunion. Von 1944 bis 1953 diente er in der Roten Armee. Er machte als Geheimdienstoffizier Karriere und lehrte dann Soziologie in Warschau. Aus Protest gegen die starken antisemitischen Umtriebe in Polen verließ Baumann 1967 seine Heimat und ging nach Israel. Dort konnte er die Behandlung der Palästinenser nicht ertragen und zog weiter nach Leeds, wo die Werke entstanden, denen er seinen Weltruhm verdankt. Es verstand sich für Zygmunt Baumann von selbst, dass er den Holocaust ins Zentrum seines Denkens stellte.

Von Baumann haben wir gelernt oder hätten wir lernen können, dass der Holocaust

keine Entgleisung,

keine Fehlentwicklung und

kein Zivilisationsbruch

war. Die „Endlösung“ war das Ergebnis einer bürokratischen Kultur. Für Baumann war der Holocaust ohne die Zivilisation nicht denkbar. Erst die rational bestimmte Welt der modernen Zivilisation machte ihn möglich. Es handelte sich vor allem nicht um einen Rückfall ins Mittelalter. Vielmehr entfalteten archaischer Fanatismus und hypermoderne Technik ihre mörderische Verbindung.

In der Gegenwart sah Baumann in der Verbindung von Neoliberalismus und Digitalisierung ein revolutionäres Element. Die Gewalt werde ergänzt von eher moderater Überredung. „Folgsamkeit gegenüber vorgegebenen Standards wird heute eher durch Verlockung und Verführung als durch Zwang erreicht – und das Ganze erscheint im Gewand des freien Willens.“

In den westlichen Gesellschaften schwinde der Glaube an ein Ziel am Ende des Fortschritts. „Und so leben wir heute oft in einer wiederauferstandenen hobbesschen Welt

des Kriegs aller gegen alle.“ (Thomas Assheuer, Die Zeit 12.1.17)

Thomas Assheuer erweist sich in der Beschreibung des wissenschaftlichen Lebens von Zygmunt Baumann wieder einmal als der kundige Kenner. Und er stellt sehr gut dar.

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