Carola Neher war in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ein Star der Berliner Theater- und Kabarettszene. Verheiratet war sie mit dem Bühnenbildner Caspar Neher, dann mit dem Dichter Klabund (Alfred Henschke). Sie tendierte zur politischen Linken. Und wurde die Geliebte Bertolt Brechts. Das – nicht zuletzt – hielt das Interesse an ihrem ominösen Tod im
Archipel Gulag
bis heute aufrecht, wo sie 1942 an Typhus starb.
Nun bringt ein Buch über Carola Neher neue Erkenntnisse über die Schauspielerin ans Tageslicht.
Bettina Nir-Vered, Reinhard Müller, Irina Scherbakova, Olga Reznikova (Hrsg.): Carola Neher – gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag. Kontexte eines Jahrhundertschicksals. Berlin (Lukas) 2016, 346 S.; 24,90 Euro.
Carola Neher floh mit ihrem damaligen Mann, Anatol Becker, 1933 vor den Nazis in die Sowjetunion. Dort wurde Becker als Trotzkist verhaftet, Neher stand dadurch in „Kontaktschuld“. 1936 wurde auch sie verhaftet und erlebte die Folterzellen der Lubjanka und das Butyrka-Gefängnisses. Sie wurde der Kollaboration mit dem Trotzkisten Erich Wollenberg beschuldigt, dem 1934 die Flucht aus der UdSSR gelungen war. Es versteht sich fast von selbst, dass die Vorwürfe gegen Carola Neher frei erfunden waren. Sie wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt und trat ihren Leidensweg durch die sowjetischen Straflager an. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt, ihr kleiner Sohn kam ins Heim. Er erfuhr erst 31 Jahre nach der Verhaftung seiner Mutter 1967, wer er wirklich war.
Brecht unternahm zaghafte Versuche, festzustellen, wo Carola Neher sich unter welchen Umständen befand. Er gab auf, als seine Kollegen Ernst Ottwalt, Sergej Tretjakow, Michail Kolzow und Wsewolod Meyerhold Opfer des stalinistischen Terrors wurden. Während Brechts Flucht mit seiner Frau Helene Weigel und Ruth Berlau durch die Sowjetunion mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok und dann per Schiff nach Kalifornien war Carola Neher noch am Leben (Hans-Christoph Buch, SZ 12.12.16).