1394: Thesen zur Reformation 1 – 9

Die Reformation ist eine große Sache,

nach dem, was ich lese als Nicht-Theologe mit einer mittelmäßigen protestantischen Sozialisation, der knapp zwei Jahre Studienleiter an einer Evangelischen Akademie war. Ich komme gar nicht überall mit. Insbesondere bei den vielen Büchern, die jetzt erschienen sind. Ich möchte Ihnen aber doch etwas anbieten und werde Ihnen Thesen liefern. Die haben die Eigenschaft, in der Regel zugespitzt, also sehr deutlich zu sein. Und dann sind sie noch etwas, das ich brauche: nämlich kurz. Ich setze die Thesen in der nächsten Zeit vermutlich fort (numeriert). Dabei stört es mich als Sozialwissenschaftler nicht, dass die Relevanz der Reformation heute gerade in gesellschaftlich-politischen Ausprägungen gesehen wird. Das deutsch-nationale Luthertum hat keine Chance mehr.

1. „Luther wurde wider Willen zum Geburtshelfer der pluralistischen und liberalen Moderne, nur indirekt und gegen seine Intention trug er zum Aufstieg von Toleranz, Pluralismus, Liberalismus und Wirtschaftsgesellschaft der Moderne bei.“ (Heinz Schilling, FAZ 27.10.16)

2. „Luther schrieb um sein Leben, er rettete sich durch seine Schriften, durch sein Schreiben.“ (Thomas Kaufmann, SZ 28.11.16)

3. Zu Luther nach dem Bauernkrieg: „Dieser Luther war nicht mehr der einzigartige Held von Worms, der bewunderte Prediger, der maßlos erfolgreiche literarische Tröster – er war ein aufgewühlter, von Konflikten heimgesuchter, überforderter Theologe, der der Geister, die er ge- und hervorgerufen hatte, nicht Herr zu werden vermochte und dessen Wirkungsradius sich zu verkleinern begann.“ (Thomas Kaufmann, SZ 28.11.16)

4. „Martin Luther kann man auch als Protestant nur näher kommen, indem man versucht, auch seine Fremdheit zu verstehen, und ihn – zwischen Demut und Grobianismus – weder zum Superhelden noch zum Kumpel macht.“ (Johann Schloemann, SZ 29./30.10.16)

5. „Die kulturelle und politische Langzeitwirkung der Reformation ist weit größer als die heutige Frömmigkeitspraxis.“ (Johann Schloemann, SZ 29./30.10.16)

6. „Und hat er schließlich mit seinen Obsessionen und Hassgefühlen der evangelischen Kirche nicht sogar mehr geschadet, als dass er sie vorangebracht hätte.“ (Tilman Krause, Literarische Welt 29.10.16)

7. Sein Programm: “ … das Akzeptieren und Ausleben körperlicher Bedürfnisse, die Luther seit seiner erneuten Verbürgerlichung durch die Ehe mit Katharina von Bora zu einem Programm macht, das eine fast ebenso zentrale Bedeutung in seinem Weltbild bekommt wie beispielsweise sein Beharren auf der realen Anwesenheit von Christi Leib und Blut beim Abendmahl.“ (Tilman Krause, Literarische Welt 29.10.16)

8. „Ihre größte Sünde, um es zuzuspitzen, …, ist meiner Ansicht nach, dass Sie sich immer als Sünder und alle Menschen grundsätzlich als Sünder gesehen und den Begriff der Sünde und Erbsünde nie in Frage gestellt und deswegen ihre ganze schöne Reformation versemmelt haben, wie man sagen müsste, wenn man dem Volk aufs Maul schaut heutzutage, meinetwegen auch vergeigt oder verkorkst.“ (Friedrich Christian Delius, FAZ 29.10.16)

9. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich, der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.“ (Georg Christoph Lichtenberg, FAZ 29.10.16)

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