1345: Briefwechsel Hannah Arendt/Günther Anders

Zu den vielen mittlerweile zu unserem Glück publizierten Briefwechseln von Hannah Arendt gesellt sich ein neuer:

Hannah Arendt/Günther Anders: Schreib doch mal hard facts über dich. Briefe 1939 bis 1975. Texte und Dokumente. Hrsg. von Kerstin Putz. München (C.H. Beck), 286 S., 29,95 Euro.

Kennengelernt hatten sich Arendt und Anders, der damals noch Stern (Sohn von William und Klara Stern) hieß, 1925 im Seminar von Martin Heidegger. Hannah Arendt war dessen Geliebte. Von 1929 bis 1937 waren Arendt und Anders verheiratet. Berühmt wurden sie erst später. Anders mit seinem zweibändigen „Die Antiqiertheit des Menschen“ Ende der fünfiger Jahre, worin sich Technikkritik, frühe ökologische Ansätze und Anti-Atom-Bewegung ergänzten. Arendt seit 1950 mit ihren Schriften zum Totalitarismus und dem heute noch umstrittenen „Eichmann in Jerusalem“ 1964 über den Eichmann-Prozess in Jerusalem und ihrer These von der „Banalität des Bösen“.

Der Briefwechsel setzt erst 1939 ein und ist insgesamt auf Grund der Bedingungen von Flucht und Exil nicht vollständig. 1939 hielt sich Günther Anders bereits in den USA auf, während Arendt sich von Paris aus mit ihrer Mutter und ihrem Mann Heinrich Blücher darum bemühte, Geld und Visa für die Überfahrt nach New York zusammen zu bekommen. Ein Leben in Internierungslagern wie Gurs hatte sie bereits hinter sich. Sie gehörte zu den Menschen, die als Emigranten „von ihren Feinden ins Konzentrationslager und von ihren Freunden in Internierungslager gesteckt“ wurden.

Im Briefwechsel war Günther Anders für Arendt immer noch Vertrauter und Freund, ein ernst genommener Gesprächspartner war er nicht mehr. Zum Bruch kam es 1941 über Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Sie hatte das Skript des 1940 in den Pyrenäen ums Leben gekommenen Benjamin wunschgemäß an das bereits in New York angesiedelte Institut für Sozialforschung weitergegeben. Theodor W. Adorno, ein Konkurrent Benjamins, lehnte es ab. Daraus resultierte die Feindschaft zwischen Arendt und Adorno. Anders schlug sich auf Adornos Seite, was er nach 1945 tief bedauerte.

Im Briefwechsel enthalten ist die Auseinandersetzung der Briefpartner mit dem Soziologen Karl Mannheim über dessen Beförderung der Soziologie auf die Höhe der Philosophie. Arendt und Anders machten das nicht mit. Sie vertraten den Primat der Philosophie.

Nach 1945 kommt der Briefwechsel nicht mehr richtig in Schwung. Meist geht es nur noch um Terminabsprachen (Jörg Magenau, SZ 10.10.16). Hannah Arendt wurde ein wissenschaftlicher Weltstar. Günther Anders reüssierte im akademischen Feld wohl nicht zuletzt auf Grund skurriler Eigenschaften nie wirklich. Arendt machte sich über den „Zustand“ von Anders Sorgen. Am meisten 1975, als sie mit Entsetzen von einem „Desaster“ sprach. Besorgt über Günther Anders Leben und Verfassung hatte sie sich auch schon in den Briefwechseln mit Mary McCarthy (deutsch 1995) und Heinrich Blücher (deutsch 1996) geäußert.

Hannah Arendt ist erst in ihren zahlreichen und meist sehr ausführlichen Briefen gut zu erkennen. Am klarsten ist das der Fall in

Wahrheit gibt es nur zu Zweien. Briefe an die Freunde. München-Zürich (Piper) 2013, 464 S.

Darin finden wir Briefe Arendts an Walter Benjamin, Heinrich Blücher, Kurt Blumenfeld, Hermann Broch, Hilde Fränkel, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Uwe Johnson, Mary McCarthy, Gershom Scholem und Dolf Sternberger.

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