Wenn jemand als Leiter des Zentrums für byzantinische Studien in Oxford wie Peter Frankopan (geb. 1971) ein Buch über die „Neue Geschichte der Welt“ schreibt, dann liegt es auf der Hand, dass für ihn das Licht aus dem Osten kommt. Schon damit die eigene Person und das eigene Fach nicht zu gering erscheinen. Das merkt man.
Peter Frankopan: Das Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt. Berlin (Rowohlt) 2016, 941 S. 39,95 Euro.
Für Frankopan ist der Westen am Ende. Er nennt es aber: „Das Zeitalter des Westens ist an einem Scheideweg angelangt.“ Und dabei gibt es durchaus Überlegenswertes. Dem Westen fehle der Blick für das Ganze der Geschichte, „für das große Bild, die breiten Themen und die groben Muster“. Die frühe Christenheit sei in jeder Beziehung östlich, „ihre Geschichten waren von den Wüsten, Hochwassern, Dürreperioden und Hungersnöten geprägt, die man in Europa gar nicht kannte“. Eine, wie mir scheint, nicht ganz neue These. Ebenso bekannt ist unter kundigen Analytikern die Tatsache, dass sich die heute wichtigen Weltanschauungen auf den Routen verbreitet haben, die der
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nahm. Das wissen wir seit Marco Polo (1264-1324).
Dann versucht Frankopan, der wirklich zahlreiche Quellen auswertet, zu zeigen, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. Und das gelingt ihm. Die europäische Überlegenheit über die Welt resultierte aus der hoch entwickelten Waffentechnik nicht erst bei Christoph Kolumbus (1451-1506). Es waren also nicht nur Renaissance und Aufklärung, die Europa überlegen machten, sondern die ständigen innereuropäischen Kriege. Angefangen mit denen der italienischen Stadtstaaten bis zu den Erbstreitigkeiten der Könige und Kaiser.
Die Kriege führten allerdings auch zu den intensiven theoretischen Anstrengungen zu ihrer Bewältigung. Etwa bei Thomas Hobbes (1588-1679) in seinem
„Leviathan“ 1651
und bei Immanuel Kant (1724-1804) in
„Zum ewigen Frieden“ 1795.
Hobbes war der Theoretiker des aufgeklärten Absolutismus, Kant der wichtigste Philosoph der Aufklärung, nach dessen Riesenwerk alles anders betrachtet werden musste und konnte.
Frankopan erklärt, wie das europäische Erbrecht wesentlich dazu beigetragen hat, dass Kapital bereitgestellt werden konnte etwa für die Unternehmungen der East India Company. Wo er aber beweisen will, dass der amerikanisch-britische Schlag gegen den iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh 1951 die Lage im Nahen Osten so weit in eine Schieflage brachte, dass dadurch die Situation im heutigen Syrien erklärt wird, verrennt er sich (Stefan Weidner, SZ 6.10.16). Da gibt es wesentlich stärkere Ursachen in der Mentalität des syrischen Massenmörders Assad und im Verhalten Chinas und Russlands im Weltsicherheitsrat.
Der Westen ist nicht an allem schuld. Aber wir müssen seine auf die Menschenrechte gegründete Perspektive offensiv vertreten und dürfen sie nicht Vertretern wie Victor Orban (Ungarn) und Jaroslaw Kaczynski (Polen) überlassen, die allenfalls eine Perversion dieser Haltung anzubieten haben.