1319: Russland: öffentliche Meinung auf primitivem Niveau

Das zu Zeiten von Michail Gorbatschow 1987 gegründete Lewada-Zentrum ist das größte unabhängige Meinungsforschungsinstitut in Russland. Kürzlich wurde es auf die Liste der „ausländischen Agenten“ gesetzt. Julian Hans hat die Instituts-Leiterin Natalja Sorkaja, 60, interviewt (SZ 16.9.16).

SZ: Was wird Ihnen vorgeworfen?

Sorkaja: Wir arbeiten seit vielen Jahren mit der Universität Wisconsin zusammen. Es ist internationale Praxis, dass man für solche Aufgaben mit Kollegen im Land zusammenarbeitet. In diesem Fall ging es um alltägliche Dinge wie die Wohnsituation. Weil die Universität Fördergeld von einer Stiftung bekam, die von der US-Regierung unterstützt wird, heißt es, wir hätten für die Amerikaner spioniert.

SZ: Woher kommt also die Zustimmung (für Putin)?

Sorkaja: Die 80 Prozent sind ein Zeichen für die Niederlage der Zivilgesellschaft und die Wiedergeburt paternalistischer Beziehungen zum Staat. In Russland ist keine starke Gesellschaft gewachsen. Die repressive Politik hat alle Ansätze dazu zerstört. Gruppen, die sich Einfluss hätten erarbeiten können – Nichtregierungsorganisationen, Menschenrechtsverteidiger – wurden an den Rand gedrängt. Die Masse hat das Gefühl, dass sie keinen Einfluss hat. In gewissem Sinne ist das ja auch so. Allerdings erhält nur Putin nach wie vor so große Zustimmung. Bei allen anderen Institutionen, der Regierung, dem Parlament, sinken die Werte im Lauf der Krise stetig.

SZ: In Deutschland gibt es den Begriff des „Russlandverstehers“ für Menschen, die mehr Verständnis für Russlands Handeln fordern. Versteht Russland sich selbst?

Sorkaja: Nein. Noch nicht. Vielleicht gibt es zarte Ansätze, Experten verschiedener Fachrichtungen vernetzen sich, und es bildet sich ein Konsens, wie das Land zu verstehen ist. Damit dies wächst, bräuchte man aber freie Medien und Konferenzen für Debatten. Aber das Massenbewusstsein befindet sich auf einem primitiven Niveau, und der Staat tut viel dafür, dass es so bleibt. …

Die Konsolidierung der Gesellschaft nach dem Krim-Anschluss funktionierte über primitive Mechanismen, die die sowjetische Gesellschaft zusammenhielten:

Großmacht,

der Westen als Feind,

uns ist egal, wie wir leben,

Hauptsache der Westen zittert vor uns.

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