1248: Seyran Ates plädiert für eine liberale Moschee.

Die deutsch-türkische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Seyran Ates plädiert in der „Zeit“ (19.5.16) für eine liberale Moschee. Ich zitiere hier daraus zentrale Passagen:

„Mein Vater gehörte zu den vielen Muslimen, die irgendwann in Berlin in keine Moschee mehr gingen. Er kam aus einem Dorf in Zentralanatolien, aber den altmodischen Islam, den die Imame in Deutschland verkündeten, empfand er nicht als Heimat. Die Grabenkämpfe zwischen den Moscheen und auch die politischen Predigten, welche Partei man wählen sollte, schreckten ihn ab. …

Zugleich wünschen sich immer mehr Musliminnen und Muslime einen friedlichen Islam, der den Dialog mit anderen Religionen pflegt. …

Die meisten Moscheen weltweit sind heute konservativ bis fundamentalistisch. Männer und Frauen beten in getrennten Räumen. Die Männer natürlich im schönen Hauptraum, die Frauen hinten, hinter einem Paravent, oder in einem lieblosen Nebenraum. Selbst in der großen Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul dürfen wir den großen Gebetsraum nicht betreten. Ein Schild zeigt eine durchgestrichene Frau. An keinem anderen Ort fühle ich mich derart diskriminiert wie in Moscheen. Ist meine Religion Männersache? …

Der erste Mensch, der mit dem Propheten Mohammed betete und dem Islam beitrat, war seine Ehefrau Chadidscha (türkisch: Hatice), mit der er 25 Jahre monogam lebte. Trotzdem verteidigen die meisten Imame die Vielehe als Norm. Am Hofe des Propheten beteten Männer und Frauen gemeinsam, die Verhüllung der Frauen kam später. Warum dürfen wir heute nicht zusammen beten? …

Wenn Terroristen ihre Morde mit Koranversen rechtfertigen, ist es falsch zu rufen: ‚Das hat alles nichts mit dem Islam zu tun!‘ Doch, es hat leider mit dem Islam zu tun. Solange wir das leugnen, kommen wir keinen Millimeter weiter. Wir überlassen den Militanten (dem IS, den Taliban, Al Kaida, Boko Haram, Hamas) und den fundamentalistischen Staaten (Iran, Katar, Saudi-Arabien) die Deutungshoheit über unsere Religion. Schon jetzt prägen Fundamentalisten das Bild vom Islam. …

Wo entsteht dieser Wahn? In Männergruppen, die sich als wahrhaft muslimisch definieren. Die Biografien nahezu aller Selbstmordattentäter lesen sich ähnlich. Ihre Radikalisierung findet sowohl durch (Moschee-) Gemeinden als auch durch soziale Medien statt. Trotz dieser Erkenntnis fehlt es seit Jahren an Gegenprogrammen. …

Zu viele Moscheen predigen einen Islam von vorgestern. Sie erstellen Gutachten, damit Schülerinnen vom Biologie- und Schwimmunterricht befreit werden und nicht an Klassenfahrten teilnehmen müssen. Sie unterstützen nachhaltig das Kopftuch bei Schülerinnen, fordern Gebetsräume in Schulen und warnen Eltern davor, ihre Kinder zu Feiern christlicher Familien zu schicken. Dies sind noch keine Hasspredigten gegen die demokratische Mehrheitsgesellschaft. Doch die meisten aktiven Imame in Deutschland haben ein gestörtes Verhältnis zu demokratischen Standards wie Religionsfreiheit, Glaubensberechtigung und Respekt vor Homosexualität. …

Woher kommen diese Imame? Die größte Gruppe der Muslime in Deutschland stammt aus der Türkei. Demzufolge wird die Mehrzahl der über 2.000 Moscheen in Deutschland von türkischen Mosscheevereinen geführt. Die meisten Imame stammen aus der Türkei, können kein Deutsch, kennen Land und Leute schlecht. … Stets ist der türkische Staat der Arbeitgeber. …

Mein Traum: eine demokratische Moschee in Berlin zu schaffen. Berlin ist meine Heimat in Freiheit. Hier möchte ich auch frei glauben, wie so viele meiner Verwandten und Freunde, wie tausende Muslime, die nach Europa kamen. … Wir könnten .. die kriegerischen und gewalttätigen Aussagen in der islamischen Lehre als Symptome einer vergangenen Zeit sehen und uns davon emanzipieren. Wir könnten fragen, was der Islam heute an Positivem für das Zusammenleben der Menschen bietet. …“

 

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