1240: Reichstagsbrand-Kontroverse – Wiederaufnahme

Es sind schon sehr viele Bücher und Seiten vollgeschrieben worden mit den Argumenten und Thesen zum Reichstagsbrand am 27. Februar 1933, ein paar Tage vor den Reichstagswahlen am 5. März 1933. Das ist verständlich und nachvollziehbar. Denn danach wurden die verfassungsgemäßen Grundrechte der Weimarer Republik von den Nazis, die seit dem 30. Januar 1933 an der Macht waren, systematisch außer Kraft gesetzt. Und je nach Deutungsmuster sind die Deutschen einmal

1. in die Diktatur hineingestolpert, oder

2. haben die Nazis selbst von Beginn an den Untergang planvoll herbeigeführt

(vgl. Wilfried Scharf: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Zweite überarbeitete Auflage. Hamburg 2009, S. 28-34, hier auch ein Überblick über die Literatur; und Klaus Hillenbrand, taz 24.5.16).

Der Propagandaleiter der KPD Willi Münzenberg veröffentlichte bereits 1933 im Ausland ein „Braunbuch“ zum Reichstagsbrand, nach dem die Nazis selber den Brand gelegt hatten. Diese Version gelangte zunächst nach 1945 auch in die Schulbücher der Bundesrepublik. Sie passte zu dem Muster von den bösen Nazis. Dagegen wurde im Geist des Verfassungsschutzes und seines niedersächsischen Mitarbeiters Fritz Tobias 1959/60 mit Hilfe des „Spiegels“, bei dem seinerzeit besonders viele alte Nazis untergeschlüpft waren, die These von der Alleintäterschaft des kurzsichtigen niederländischen Anarchisten Marinus van der Lubbe gesetzt (Buchfassung: 1962). Dies entsprach der Weltsicht der Adenauer-Jahre.

Gestützt wurde diese These allerdings von dem renommierten Münchener Institut für Zeitgeschichte. Dessen junger Referent, Hans Mommsen, verfocht in einem Aufsatz von 1964 ebenfalls die Einzeltäterthese. Ein „europäisches Komitee“ zur wissenschaftlichen Erforschung der Gewaltherrschaft 1933-1945, dem u.a. Willy Brandt und mit Golo Mann, Eugen Kogon, Karl-Dietrich Bracher, Klaus HIldebrandt und Andreas Hillgruber renommierte Historiker angehörten, konnte sich mit seiner Sicht der Nazi-Täterschaft dagegen nicht durchsetzen. Die Auseinandersetzungen um die Brandstifter des Reichstags zog sich bis 2009 hin (Henning Köhler, Uwe Backes, Eckhard Jesse, Jürgen Schmädeke, Alexander Bajohr, Wilfried Kugel, Sven Felix Kellerhoff). Ich habe mich 2009 überwiegend der Alleintäterthese angeschlossen. Aber wahrscheinlich ist sie falsch.

Denn in einer neuen und umfassenden Untersuchung werden daran erhebliche wissenschaftliche Zweifel angemeldet:

Benjamin Carter Hett: Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2016, 640 S., 29,95 Euro.

Der US-amerikanische Historiker Hett wägt alle bekannten Argumente ab und gelangt zu dem Ergebnis, dass die Alleintäterthese nicht plausibel ist. Er findet aber zu wenige Indizien für die Gegenthese von der Täterschaft der Nazis. Und so bleibt er bei begründeten Vermutungen. Deswegen wird der Streit über den Reichstagsbrand von 1933 weitergehen.

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