Der Kasseler Soziologe Heinz Bude unternimmt den Versuch, uns zu erklären, warum in Deutschland die Lage so sehr unterschiedlich beurteilt wird, obwohl die sozial-ökonomische Situation relativ stabil ist (FAS 10.4.16). Er geht aus von der
Fehleinschätzung Tony Blairs von 1999,
dass die Gesellschaft der Zukunft eine differenzierte Dienstleistungsgesellschaft mit einem wertschöpfungsintensiven finanzindustriellen Komplex sei. Heute erscheint dagegen
Deutschland als das wirtschaftlich stärkste Land Europas,
das auch politisch nicht ohne Einfluss ist. Dies kommt aber nicht nur vom Euro, sondern auch von der Niedrighaltung der Lohnnebenkosten seit der Regierung Schröder/Fischer.
Die deutschen „Hidden Champions“ von der Schwäbischen Alp, aus Ostwestfalen und Oberfranken leben von der Einsicht ihrer Belegschaften in die Erfordernisse der Konkurrenzfähigkeit. Die deutschen Angebote überzeugen nicht, weil sie billig sind, sondern weil sie in digitaler Gestalt maßgeschneidert werden. Jegliche Betriebsstörung wird innerhalb von 48 Stunden behoben. Das kann Deutschland nicht erreichen durch starres Klassendenken. Die Belegschaften werden selbst initiativ, um die Kundenwünsche zu befriedigen. „Man steigert die Produktivität durch Kontrolle aus der Mitte des Betriebs. … Die Beschäftigten arbeiten verantwortlicher, nachhaltiger und effektiver, wenn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens verstehen. Sie müssen nicht mehr geführt werde, sie führen sich selbst.“
Aber um welchen Preis?
„Burnout“ ist nach Bude bei Industriemeistern, Entwicklungsingenieurinnen und Mechatronikern üblich geworden. Lebenslanges Lernen ist nicht nur ein Gewinn, sondern auch eine Drohung.
Dazu tritt ein „Dienstleistungsproletariat“, etwa Paketzusteller, Gebäudereiniger und Pflegebedienstete. Sie erhalten ca. 1.000 Euro netto im Monat. Aufstiegsmöglichkeiten? Keine! Zudem das Modell des Outsourcing. Für Heinz Bude ist das
neue Dienstleistungsproletariat
weiblicher,
ethnisch heterogener und
qualifikatorisch diffuser.
Die einzige Möglichkeit der Effizienzsteigerung besteht in der Verringerung des Zeittakts (im Pflegedienst, bei der Zimmerreinigung, beim Transport mit LKWs etc.). Die neue soziale Spaltung erfolgt in der Mitte der Gesellschaft. Die neue Mehrheit leistet sich vermehrt einfache Dienstleistungen. Dies muss man sich vor Augen führen, will man die Beunruhigung in der Gesellschaft verstehen.
„Bei Befragungen zur Stimmungslage fällt eine Gruppe ins Auge, die höher gebildet und nicht schlecht verdienend ist, die sich als weltoffen bezeichnet, aber der die ganze Richtung der ‚Willkommenskultur‘ gegen den Strich geht. Es handelt sich um 10 Prozent der repräsentativ Befragten, die bei näherem Hinsehen starke Überzeugungen von ihrer Kompetenz haben, aber von dem Gefühl beherrscht sind, dass sie auf Grund von Bedingungen, die sie selbst nicht kontrollieren könnten, unter ihren Möglichkeiten geblieben sind. Das sind die
Verbitterten der deutschen Wohlstandsmitte.
Sie leben nicht im prekären Wohlstand, sie sind nicht sozial abgerutscht, sie pushen sich nur mit dem Hass auf eine Welt auf, von der sie sich abgefertigt und missachtet fühlen. Als ‚unnütze Normale‘ … mit Hochschulabschluss und Eigentumswohnung erheben sie sich gegen ‚Lügenpresse‘ und Systempolitiker. In unbeherrschtem Ton machen sie gegen die Quatschbuden der Nation mobil und finden Beifall bei einem missgelaunten Kleinbürgertum, das sich in seinen ‚kleinen Lebenswelten‘ durch vermehrte Wohnungseinbrüche, ‚queeren‘ Sexualkundeunterricht und das Inkasso-Gebaren der GEZ gestört fühlt. Daneben hat sich ein Dienstleistungsproletariat verfestigt, das die Überzeugung hat, dass seine Stimme eh nichts zählt. Man richtet sich ein im Blick auf eine Zukunft, die einem nichts mehr verspricht.
Der einzige Anker der Selbstachtung
ist die Abgrenzung gegenüber jenen, die vom Amt leben.
Dienstleistungsproletarier und Hartzer mögen sich überhaupt nicht. …
Sie können die Geschichte vom ungeheuren Erfolg Deutschlands nicht mehr hören, weil für sie klar ist, dass sie die Leidtragenden des Erfolgs der anderen sind.“
Nicht ganz einfach argumentiert, aber schlüssig!!