1971 erschien der epochale Roman
„Der Nazi und der Frisör“
von Edgar Hilsenrath, der gerade 90 Jahre alt geworden ist. In ihm schlüpft der NS-Massenmörder Max Schulz nach 1945 in die Identität des von ihm ermordeten Itzig Finkelstein und gibt in Palästina den überzeugten Zionisten. In den Feulletons fand dieses Werk enorme Beachtung und erlebte schnell mehrere Auflagen. Hilsenrath hatte mit den Mitteln der Groteske und der Verfremdung gearbeitet, um den seinerzeit in Deutschland aufkommenden „Philosemitismus“ zu bekämpfen. Er wollte den Deutschen das „Martin-Buber-Hafte“ austreiben.
Hilsenrath war 1926 als Jude in Leipzig geboren worden. Mit der Familie floh er 1938 nach Rumänien, wo er eine glückliche Zeit erlebte, bis er ins Arbeitslager Moghilew-Podolsk deportiert wurde. Nach der Befreiung durch die Rote Armee schlug er sich zu Fuß nach Czernowitz und schließlich nach Bukarest durch, wo Zionisten die illegale Ausreise nach Palästina organisierten. 1947 siedelte Hilsenrath nach Lyon über, wo sein Vater überlebt hatte. 1951 ging er in die USA, wo er als Kellner arbeitete und im Cafè schrieb. Hier erschien sein erster Roman „Nacht“, in dem er seine persönlichen KZ-Erlebnisse verarbeitete. Geschildert wird u.a. der mörderische Kampf von Ghettoinsassen untereinander. Seit 1974 lebt Edgar Hilsenrath in Berlin-Friedenau.
Hilsenrath war einer der ersten, die ohne Beschönigung mit dem Naziterror abrechneten. Literarisch avanciert liefert er Erkenntnisse, die noch nicht allgemein akzeptiert waren und fand wohl auch nicht gleich den richtigen Verlag. Erst 2003 erschienen im Dittrich-Verlag seine „Gesammelten Werke“ in zehn Bänden. Die grotesken Elemente in Hilsenraths Büchern haben noch manchen Streit provoziert. 1980 erschien der Roman „Bronskys Geständnis“. 1989 „Das Märchen vom letzten Gedanken“, in dem der Schriftsteller vom türkischen Genozid an den Armeniern erzählt. Dafür erhielt er 2006 den armenischen Staatspreis. Nach Helmut Böttigers Meinung wären die Bücher Edgar Hilsenraths als Schullektüre vielem vorzuziehen, was als kanonisch gehandelt wird (Helmut Böttiger, SZ 1.4.16; Andreas Platthaus, FAZ 2.4.16).