1166: Am Pranger: das reformpädagogische Milieu

Die Vereinigung deutscher Landerziehungsheime hat einen Forschungsauftrag über ihre Geschichte an den Rostocker Pädagogen Jens Brachmann vergeben. Dieser legt nun seine Ergebnisse vor:

Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal. Die Geschichte der Vereinigung Deutscher Landerziehungsgeime 1947-2012. Bad Heilbrunn (Julius Klinkhardt) 2015, 704 S., 49,90 Euro.

Dass dabei der pädokriminelle Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, in den Mittelpunkt der Analyse gerät, verwundert nicht. Brachmanns Studie stellt den gesamten Verband, die Pädagogik der Landerziehungsheime und das reformpädagogische Milieu insgesamt an den Pranger. Der Wissenschaftler konnte das Archiv der Vereinigung 1950 bis 1999 nutzen. Ob es „bereinigt“ wurde, ist unklar. Im Jahr 1999 hat der vielfach von Becker missbrauchte Altschüler Andreas Huckele dessen Übergriffe (zunächst in der „Frankfurter Rundschau“) veröffentlicht. Zunächst fast ohne Reaktion.

Zentrale Figur des Verbands war sein Syndikus Hellmut Becker, der „Bildungsbecker“. Er war es, der für die Landerziehungsheime die Öffentlichkeitsarbeit organisiert hat, ohne die sie bildungspolitisch nie die Rolle gespielt hätten, die ihnen überproportional zu ihrer Bedeutung zuwuchs. Beckers Personalpolitik war „unkonventionell“. So installierte er Gerold Becker als Schulleiter der Odenwaldschule. Zunächst mit einer mehrwöchigen Freistellung für die Abfassung einer Dissertation, aus der aber nichts wurde.

Gerold Becker wiederum gelang es, „eine Mannschaft von Mitarbeitern anzuheuern, die entweder von ihm abhängig waren oder deren eigene Integrität bereits beschädigt war“. Die Leitungsstrukturen der Odenwaldschule waren autokratisch. So konnte Gerold Becker nach seiner Entlassung 1987 seinen eigenen Nachfolger einsetzen.

Hellmut Becker beschaffte ihm ein Stipendium des Stifterverbands  für die deutsche Wissenschaft in Höhe von 120 000 Mark auf Grund einer vierseitigen Antragsskizze für eine Monografie. Gerold Becker  verbrachte danach acht Jahre in einem gut gepolsterten Wartestand, ehe er die Leitung des Verbands der Landerziehungsheime übernahm. Zwischen 1987 und 1990 bezog er ein Bruttogehalt von 7850 Mark zuzüglich einer steuerfreien Pauschale für Sachkosten in Höhe von 500 Mark.

Den Nachfolgern Gerold Beckers gelang es nicht mehr, die verwahrlosten Institutionen wieder aufzubauen und ihnen zukunftsfähige Strukturen zu geben (Heike Schmoll, FAZ 20.2.16). Das ist wahrscheinlich gut so.

 

 

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