Mein Buch „Deutsche Diskurse“ (2009) habe ich mit einem Kapitel über „die alte und immer wieder neue Frage: Was ist deutsch?“ begonnen. Da ging es u.a. um Friedrich Hölderlin (1770-1834), Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Julien Benda (1867-1956) und sollte den Rahmen für die 20 deutschen Diskurse nach 1945 darstellen, die ich dann untersucht hatte. Heute habe ich wieder gesehen, dass es nicht gut für einen selbst ist, wenn man sich mit wahrhaft Großen vergleicht. Es geht um den katholischen Schriftsteller Martin Mosebach (geb. 1951), der sich heute (5./6.1.16) in der SZ mit der Frage „Was ist deutsch?“ beschäftigt und mit dem ich ansonsten vermutlich nur in wenigen politischen Analysen übereinstimme.
Was er über das Deutsch-Sein schreibt, trifft mich ins Herz.
„Die großen deutschen Schriftsteller haben Deutschland nicht geliebt, Klage, Abscheu und Verdruss reihen sich auf den Seiten jener Autoren, deren Art und Weise deutsch zu schreiben die geistige Existenz ihres Volkes ausmacht. Hölderlin fand in Deutschland ‚Handwerker, Kaufleute‘, aber ‚keine Menschen‘. Das ist natürlich etwas pauschal, aber dem französischstämmigen Theodor Fontane wird man kaum widersprechen können: ‚die slawisch-germanische Misch-Race‘ sei zu vielem befähigt, nur nicht zu ‚Form und Geschmack‘.
Rudolf Borchardt, ein begnadeter Verflucher, schrieb, ‚das deutsche Volk en masse‘ habe ‚die europäische Kultur, die ihm importiert worden‘ sei, ’nie wirklich recipiert und sich vielmehr immer in stummer Auflehnung gegen sie‘ befunden.
Sehr spät ist in Deutschland der Nationalismus erwacht – Arthur Schopenhauer meint noch, die Deutschen seien das einzige Volk Europas, das an dieser Dummheit keinen Anteil habe; das gehört vielleicht zu den Gründen, warum er in Deutschland so besonders peinlich ausfiel und warum er dann wieder so gründlich verschwand – in der Geschichte des Volkes hatte er keine tiefen Wurzeln. Aber eines fällt auf: Wenn man im Ausland auf Germanophile trifft – in England, Frankreich, Russland – , dann gehören sie stets zur Elite ihres Volkes. Um Deutschland lieben zu können, muss man etwas leisten.
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Was gut ist in Deutschland: säuerliches Roggenbrot mit einer krachend harten schwarzen Kruste. Firn gewordener Riesling vom Rheingau oder der Mosel. Helles bayerisches Bier, das nach beinahe nichts schmeckt. Aber sollte ich Deutschland verlassen müssen, wäre es nur der Firnwein, der mir fehlen würde – dieser Geschmack ist unersetzlich. Drei Stilrichtungen der Literatur hat Deutschland hervorgebracht: deutsch ist der Märchenton, die sanfte, schlanke Einfalt mit ihrer rätselhaften Lakonie der Brüder Grimm und des Johann Peter Hebel, von Robert Walser, Franz Kafka, Bertolt Brecht und des W.G. Sebald. Deutsch sind die verschlungenen Manierismen und Dunkelheiten des Georg Friedrich Hamann und des Jean Paul.
Das deutsche Laster aber ist der Expressionismus – bei Martin Luther beginnend, im Sturm und Drang die neue Zeit erreichend, in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhundert nicht endend: Wahrheitsaufdringlichkeit, Gefühlsprahlerei, Rotz und Wasser, Schmalz und Schleim. Weil das beste, was wir haben, bestimmte Gedichte sind, und nicht wie bei Engländern, Franzosen und Russen Dramen und Romane, weil unser Bestes unübersetzbar ist, darf man dankbar sein, wenn man in die deutsche Sprache hineingeboren wurde – wer das nicht ist, dem entgeht etwas.
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Kommunismus und Nationalsozialismus, Auto und Telefon, Penicillin und Computer, Fernsehen und Atombombe, industrielles Bauen und Autobahn, und schließlich sogar der industrielle Massenmord sind ohne federführende deutsche Mitwirkung nicht zu denken. In Europa ist Deutschland das Land, das die Verbindung zu seiner Vergangenheit am vollständigsten gekappt hat. Es ist das modernste aller europäischen Länder. Der Fortschritt ist deutsch. Wer sich dem Rhythmus des Fortschritts nicht beugen will, der ist hier fehl am Platz.“
Dann spricht Mosebach noch von der größten Glocke im Frankfurter Kaiserdom, der „Gloriosa“. „Dieser tiefe Glockenton bringt den Zorn über die weitgehende Verhunzung meiner Geburtsstadt jedesmal für eine Weile zum Schweigen. Wenn ich mich eindringlich prüfe, womit ich ein Gefühl von Heimat verbinde, dann gelange ich schließlich zum Geläut der ‚Gloriosa‘.“