1119: Das chinesische Modell

Als Generalsekretär der chinesischen KP gab Deng Xiaoping 1989 den Schießbefehl für das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens. 1992 verkündete er den „Sozialismus chinesischer Prägung“. Die wesentlichen Merkmale dieses diktatorischen Kapitalismus sind die grenzenlose Ausbeutung der Ressourcen des Landes, die Korruption und die Unterdrückung der Tibeter und der Uiguren, so erklärt es uns der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu, der 2012 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hat (FAZ 19.12.15).

„Seit zwanzig Jahren fährt die chinesische Regierung außerordentlich gut mit ihrer Strategie der Umarmung kapitalistischer Marktwirtschaft bei völliger Unterwanderung des universellen Wertesystems. Sie ist ein erklärter Feind von Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten, denn sie weiß nur zu gut, dass jedes Zugeständnis an diese Werte ihr eigenes Volk an seine Stärken von 1989 erinnern würde. Doch angesichts der Verheißungen des chinesischen Markts knicken westliche Regierungen ein, im Interesse der angeschlagenen Wirtschaftssituation geben sie nach und besuchen mit ihren Wirtschaftsdelegationen China, ohne mit der chinesischen Regierung Menschenrechtsfragen anzuschneiden. Wer wollte seinen wichtigsten Kunden verprellen?“

Angeblich sind die Werte der Aufklärung nicht mit der chinesischen Kultur vereinbar. „Von welcher Kultur ist die Rede? Von der, die ein faschistischer Diktator namens Mao Tse-tung seit 1949 in diesem Land etabliert hat, die Kultur der Gehirnwäsche? Gleich zu Beginn der Landreform hat Mao Tse-tung nach divergierenden Schätzungen zwischen zwei- und vierhunderttausend Grundbesitzer hinreichten lassen, das überlieferte Wissen der Landbevölkerung gründlich ausgemerzt und die Tradition des ‚Der Himmel ist hoch, und der Kaiser ist weit‘ gekappt.“

„Bei der Rückbesinnung auf die chinesische Tradition kann ich keinen Widerspruch entdecken zu den europäischen Vorstellung von Freiheit, Recht und Gerechtigkeit, auch nicht zur ursprünglichen europäischen Idee des Sozialismus. Es gibt im Gegenteil zahlreiche Berührungspunkte, an denen unsere Kulturen verschmelzen, aneinander wachsen, dasselbe Zukunftsideal vor Augen. Die von der KP Chinas beschworene kulturelle Besonderheit besteht allein in dem von ihr fabrizierten diktatorischen Kapitalismus. Mit unseren Traditionen hat das nichts zu tun.“

„Universelle Werte kennen keine Grenzen. Gegenwärtig werden die Menschen in China vom Kapitalismus auf der einen und der Diktatur auf der anderen Seite in die Zange genommen. Die Folge sind immer weiter auseinanderklaffende Unterschiede zwischen Arm und Reich, drastische Umweltverschmutzung, immer neue Krisen durch gesellschaftliche Widersprüche. Das größte Geschenk, das uns Europa machen könnte, wäre die nachdrückliche Unterstützung der Bewegung von 1989 in ihrer Forderung nach einem demokratischen System, … Nur so ließe sich eine

Welle von Flüchtlingen

vermeiden, die der gesellschaftliche Kollaps Chinas, der nur in einen Bürgerkrieg münden kann, hervorbringen wird. Das kann sich kein Staat wünschen.“

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