Benedict Anderson ist tot, der Mann, der uns beigebracht hatte, dass Nationen „vorgestellte Gemeinschaften“ sind, „weil die Mitglieder die meisten anderen niemals kennen werden, aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert“.
Sein Buch „Imagined Communities“ erschien 1983, auf deutsch 1988.
Meine Ausgabe trägt den deutschen Titel „Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts.“ Frankfurt/Main (Campus) 1996, 306 S.
Anderson verabschiedete die Vorstellung von der Nation als etwas Essenziellem. Seiner These nach werden Nationen hergestellt durch Massenmedien, zunächst durch die Presse im 15. Jahrhundert, weil sie die nationale Sprache verbreiten helfen. Dementsprechend spielte die Reformation mit der übersetzten Bibel dabei eine große Rolle. Die Lektüre von Zeitungen und Zeitschriften stiftete die Gemeinschaft. Zu beobachten war die Nationenbildung aber am ehesten in Südamerika. Wenn Nationen vorgestellte Gemeinschaften sind, heißt das, dass auch andere Gemeinschaften vorstellbar sind.
Anderson wurde 1936 als Sohn britischer Kolonialbeamter in China geboren, wuchs als Protestant im katholischen Irland auf und wanderte nach dem Studium in Cambridge und den USA nach Indonesien aus, wo der Unabhängigkeitskampf gerade begann. Anderson sprach sechs europäische Sprachen und drei asiatische. Er war Professor an der Cornell Universität New York. Indonesien wurde trotz seiner Vielfalt zu einer Nation. Das war der Beleg dafür, dass hier eine Nation entstanden war durch den Gebrauch einer gemeinsamen, nicht religiösen Sprache.
In meiner Anderson-Ausgabe findet sich auf S. 202/203 ein sehr schöner Kommentar zur Eroberung Großbritanniens durch
Wilhelm den Eroberer (Guillaume le Conquerant, William the Conqueror)
1066 in der Schlacht von Hastings:
„Englische Geschichtsbücher offerieren das unterhaltsame Spektakel eines großen Gründungsvaters, dessen Name Wilhelm der Eroberer jedem Schulkind eingetrichtert wird. Den gleichen Schulkindern wird freilich nicht erzählt, dass dieser Wilhelm kein Englisch sprach, ja, es in der Tat nicht einmal hätte sprechen können, da die englische Sprache in jener Epoche überhaupt nicht existierte; und ebensowenig wird ihnen erzählt, was denn der ‚Eroberer‘ erobert hat. Denn die einzige vernünftige moderne Antwort müsste lauten: der „Eroberer der Engländer“, was den alten normannischen Räuber in einen Vorläufer von Napoleon und Hitler verwandeln würde, der erfolgreicher als diese gewesen war.“