Der Münchener Soziologe Armin Nassehi spricht über „das Deutsche“ (SZ 21./22.11.15):
„Was also ist das Deutsche? Hier zu leben. Mehr sollte man darüber nicht sagen müssen. Es kann heute in einer pluralistischen, globalisierten Gesellschaft keine starke und exklusive Selbstverortung mehr sein. Das ‚Hier‘ wird zu einem ‚Wir‘ nicht durch kulturelle Oktroys, sondern durch gesellschaftliche Selbsterfahrung, durch eine alltägliche Praxis, die man durch geeignete Maßnahmen auch Einwanderern ermöglichen muss – durch Teilhabe an Bildung, am Arbeitsmarkt, am konkreten Leben.
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Erstaunlicherweise wissen die Terroristen von Paris – übrigens auch die von Beirut, denn die meisten Opfer des sogenannten Islamischen Staates sind Muslime – was ‚unser‘ Eigenes ist, gegen das sie bomben. Es ist jene Lebensform, die auf gemeinsame Bekenntnisse so weit wie möglich verzichten kann. Es ist eine Lebensform, die es nicht nur aushält, dass es in ihr eine gewisse Indifferenz und Interesselosigkeit darüber gibt, wie die unterschiedlichen Gruppen und Milieus leben. Sie greifen eine Gesellschaft an, die dies gar nicht als Defizit erlebt, sondern als ihr Ureigenes zelebriert.“