Neil McGregor
wird neben Hermann Parzinger und Horst Bredekamp Gründungsintendant des Berliner Humboldtforums, auf das wir an Berlin Interessierten schon sehr gespannt sind. Der britische Historiker ist ähnlich wie sein Kollege
Christopher Clark
Deutschland-Experte. Seine Londoner Ausstellung „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ hat Furore gemacht. Noch größere positive Resonanz erfuhr seine Darstellung Deutschlands in der Ausstellung „Germany. Memories of a Nation“. Nun erscheint sein neuestes Buch
„Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ München (C.H. Beck) 2015, 640 Seiten, 39,95 Euro.
Der Band ist mit 330 Abbildungen reich illustriert. Anscheinend will McGregor die bei der Betrachtung Deutschlands üblichen Stereotypen
Krauts, Nazis, Wirtschaftswunder
ersetzen durch
Goethe, Bauhaus, Buchenwald.
Im Interview mit Andreas Fanizadeh (taz 12./13.9.15) erläutert McGregor, dass seiner Meinung nach die Zersplitterung Deutschlands seit dem Mittelalter auch eine Stärke war. Er widerspricht damit der Generalthese des Göttinger Soziologen Hellmuth Plessner in seinem Buch
„Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes.“ 1959.
taz: Herr McGregor, Sie bezeichnen die zersplitterte Ordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als einen Sieg der „kreativen Fragmentierung“. Wie meinen Sie das?
McGregor: Der vielleicht schwierigste Aspekt, deutsche Geschichte zu verstehen, bezieht sich auf die Geschichte des politischen Flickenteppichs. Man kann nicht von einer einheitlichen deutschen Geschichte sprechen, weil es sehr viele verschiedene Geschichten gab. Bis 1871 war entscheidend, ob man Bayer, Hamburger oder Preuße ist. Für uns war lange schwierig, das richtig zu verstehen. Die politische Fragmentierung wurde vor allem als Schwäche betrachtet, um spätere negative Entwicklungen zu erklären.
taz: Sie spielen auf Debatten wie die über die „verspätete Nation“ an?
McGregor: Ja.man sah in der politischen Zersplitterung vor allem die Schwäche. Doch man erkennt heute, dass Spaltung und Zersplitterung auch große Verschiedenheiten und Freiheiten erlaubten, die es in früh vereinigten Zentralstaaten so nicht gab. Die
Reformation
hätte ohne die Zersplitterung nicht stattfinden können. In England und Frankreich konnten die Zentralmächte religiöse Abweichungen sofort ersticken. Die Unterschiedlichkeit Deutschlands mit seinen vielen Fürstentümern bedeuteten letzten Endes für die Gesellschaften eine Stärke.
taz: Die politische Zerklüftung, das Patt nach Bauern- und Dreißigjährigem Krieg als Voraussetzung für religiöse Toleranz?
McGregor: Nach dem Frieden von 1648 bestand das Heilige Römische Reich aus Regionen mit verschiedenen – erlaubten – Religionen. Das war für Frankreich und auch Großbritannien undenkbar. In Deutschland musste der Kaiser die Tatsache anerkennen, dass er Katholiken wie Lutheraner zu Untertanen hatte. Schwierig blieb allerdings in allen europäischen Gebieten die Lage der Juden.
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Vgl. Wilfried Scharf: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. 2. Auflage. Hamburg (Coverport) 2009, 228 Seiten.