1024: Franz Josef Strauß 100: ein pragmatischer Modernisierer

Wenn der 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß mit einem Gottesdienst, mit Gebirgsschützen und Studentenverbindungen gefeiert wird, ist das wieder einmal geeignet, Vorurteile hervorzurufen, zu bestätigen und zu verfestigen. Aber viele dieser Vorurteile sind falsch. Zum Glück gibt es im deutschen Journalismus Personen, die einer so gewaltigen und barocken Machtfigur, die Strauß war, dennoch gerecht werden könnnen. Ich zähle dazu Heribert Prantl von der SZ (5./6.9.15) und Patrick Bahners von der FAZ (5.9.15). Sie behandeln auch relativ unbekannte Seiten an Strauß und zeichnen ein hochplausibles Gesamtbild von ihm.

Der Schwabinger Metzgerssohn Franz Josef Strauß war hochbegabt und im Gymnasium ständiger Primus. Er studierte Geschichte und alte Sprachen, um Studienrat zu werden. Wegen des Zweiten Weltkriegs wurde daraus aber nichts. Der Oberleutnant Strauß geriet in die Politik. Und zwar in die klerikale Honoratiorenpartei des Anti-Nazis Josef Müller („Ochsen-Sepp“), die CSU. Diese Partei sollte Strauß als Generalsekretär und Vorsitzender später entschlossen zu einer effizienten pragmatischen Volkspartei umbauen, die heute in Bayern noch die absolute Mehrheit hält. Strauß‘ Motto war, dem Volk auf’s Maul zu schauen, ihm aber nicht nach dem Mund zu reden (Wolfgang Wittl, SZ 7.9.15).

Das Strauß-Bild der Gegenwart ist immer noch stark geprägt von dem „denunziatorischen Originalton“, in dem Strauß etwa vom „Spiegel“ (Rudolf Augstein) und der „Frankfurter Rundschau“ (Karl Gerold) beschrieben wurde. Dabei ließen sich sehr viele Korruptionsvorwürfe gegen Strauß gar nicht belegen. Vorgegangen wurde anscheinend nach dem Motto „Semper aliquid haeret“ (Es bleibt immer etwas hängen.). Wie Jan Fleischhauer im „Spiegel“ jetzt darlegte, ist „gegen Strauß zu sein“ heute noch „eine Art nachträglicher Widerstandshandlung“. Aber wir übersehen natürlich nicht die große Zahl der Affären, in die Strauß verwickelt war („Onkel Alois“, Fibag, HS 30, F 104-Starfighter u.a.)

Dabei hat Strauß tatsächlich Industrieansiedlung im großen Maßstab betrieben. Etwa die Auto- und die Luftfahrtindustrie nach Bayern geholt. In seiner Zeit als Ministerpräsident von Bayern (1978-1988) wurden dort Autobahnen gebaut und Universitäten gegründet. Und die bayerischen Schüler liegen bei allen Tests national und international vorne. Da staunen die Bremer und Hamburger.

Was Strauß‘ Bild heute verdunkelt, ist die Tatsache, dass er die Atomindustrie gefördert hat und für die Bundeswehr Atomwaffen wollte. Außerdem hatte er sich in der „Spiegel“-Affäre 1962 vergaloppiert und musste als Verteidigungsminister zurücktreten. Um allerdings in der großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) 1966 als Finanzminister wie Phoenix aus der Asche zu kommen und mit Karl Schiller (SPD) das wirtschafts- und finanzpolitische Erfolgs-Duo „Plisch und Plum“ (nach Wilhelm Busch) zu bilden.

Ein Verdikt (am 20. März 1958 im Bundestag ausgesprochen) des FDP-Abgeordneten Reinhold Maier war es, dass an Strauß kleben blieb sein Leben lang: „Wer so spricht, der schießt auch.“ In seiner protokollarisch korrekten Version taucht dieser Satz sogar in Uwe Johnsons „Jahrestagen“ (1971-1983) auf. Strauß gelang es, dafür zu sorgen, dass es rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben konnte. Er war die Symbolfigur des autoritären und nationalistischen Potentials in der Union. Wobei er von der CDU in der Bundestagswahl 1980, in der er Kanzlerkandidat war, wohl nicht voll unterstützt worden ist. Damals wurden unter Mitwirkung des späteren „Spiegel“-Chefredakteurs Stefan Aust (69), der seit 2014 Herausgeber der „Welt“-Gruppe ist, Anti-Strauß-Filme gedreht wie „Der Kandidat“.

Selbst in seiner eigenen Partei galt Strauß als „Altbayer“. Wie es der CSU-Landtagspräsident Franz Heubl einmal formulierte: vital, brutal und sentimental. Zu welchem Pragmatismus der Antikommunist Strauß aber fähig war, das beweist der von ihm angebahnte Kredit für die DDR 1983. Ohne den wäre der zweite deutsche Staat schon vor 1989 am Ende gewesen. Strauß hatte die DDR-Bürger, die Menschen im Auge.

Franz Josef Strauß stilisierte sich selbst gerne mit literarischen Zitaten. So nahm er aus Conrad Ferdinand Meyers „Huttens letzte Tage“ den Satz: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch. Ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch.“ Und Heribert Prantl, der gänzlich unverdächtig ist, ein CSU-Anhänger zu sein, schrieb über Strauß: „Er war mit dem Herzen Europäer und mit der Seele Bayer.“

Über Strauß‘ großen Antipoden Rudolf Augstein schrieb Peter Gauweiler, der ehemalige stellvertretende CSU-Vorsitzende, 2015: „Am Ende war Augstein ein verhinderter Straußianer. Die Wiedervereinigung hat er mit speziell nationalen Argumenten unterstützt, vorbehaltlos und im Gegensatz zu den westdeutschen Intellektuellen, die dafür anfänglich nur Hohnlachen übrig hatten.“ (Die Welt, 5.9.15)

Nach Strauß‘ Tod 1988 hat die CSU nie wieder solches Führungspersonal wie ihn gehabt. Sie ist heute eine Ressentiment-Partei (siehe Pegida-Maut, die u.a. europarechtlicher Unfug ist) mit erkennbar schwachen Ministern in Berlin. Wenn sie damit in Bayern die absolute Mehrheit gewinnt, ist ihr das kaum zu verübeln. Und die SPD sollte ihre „kleinkarierten Bedenken“ bei der Strauß-Ehrung 2015 zurückstellen.

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