Für die DDR (1949-1990) haben sich lange Zeit viele nicht interessiert. In der Filmgeschichte für den Dokumentarismus ebenso nicht. Für beide steht Winfried Junge. Er wird 80. Sein Thema waren seit 1961 die „Kinder von Golzow“. Er hat 24 Kinder des Jahrgangs 1954/55 aus dem Oderbruch über Jahrzehnte mit der Kamera verfolgt. Ihre Geschichten erzählt. In neun Filmen. So wie sie waren. Nicht wie sie sein sollten. Winfried Junge hat sich stets ein Stück weit der Propaganda entzogen. Die Lebenswege der Kinder von Golzow verliefen bei weitem nicht alle nach Plan. 1981 kam Junge mit den „Lebensläufen“ heraus. Ein Paukenschlag.
Ob Winfried Junge bei den Film-Oberen der DDR wohlgelitten war, steht dahin. 1991 nahm sich zum Glück ein West-Berliner Produzent seines spröden Projekts an. Daraus wurde eine Jahrhundertchronik aus der ostelbischen Provinz. Noch zu Zeiten der DDR drehte Winfried Junge im Rahmen von Großaufträgen ostdeutscher Unternehmen im Erzgebirge, in Syrien, Somalia und Libyen. Er blieb dabei nüchtern. Ein Mann, der nicht in die jeweiligen Propagandastrukturen hineinpasste. Meine Studenten waren überwiegend von Junges Filmen bis 1990 begeistert. Vielleicht waren es die Gesichter der Kinder, die Winfried Junge Mut machten, als der Glaube an den Sozialismus verlorenging, schreibt Hans-Jörg Rother (SZ 18.7.15).