971: Intelligenz ist erblich.

Die Intelligenzforschung weiß es seit langem, nur will die Pädagogik in weiten Teilen es nicht zur Kenntnis nehmen, dass nämlich die Intelligenz erblich ist. In Deutschland hängt das gewiss weithin mit der völlig unwissenschaftlichen Nazi-Rassenlehre zusammen, die mit zum Holocaust geführt hat. Der Verhaltensgenetiker Robert Plomin, der in London lehrt, ist von Ulrich Bahnsen und Martin Spiewak interviewt worden (Die Zeit 3.6.15).

Zeit: .. Wer bestimmt denn nun in erster Linie, ob ein Schüler später studieren kann oder nur einen einfachen Schulabschluss schafft?

Plomin: Die Erbanalagen. Die Unterschiede im Lernerfolg von Kindern sind zu einem großen Teil von Genen abhängig, das weiß die Wissenschaft seit langem. Unsere jüngste Studie zeigt nun, dass neben der Intelligenz auch andere Persönlichkeitsmerkmale, die für ein erfolgreiches Lernen bedeutsam sind – also

Zuverlässigkeit,

Konzentrationsfähigkeit,

geistige Stabilität oder

Neugierde -,

einem erheblichen genetischen Einfluss unterliegen. …

Den größten Einfluss haben die Gene dabei auf die Intelligenz, also auf das

abstrakte Denkvermögen und

das Gedächtnis,

die räumliche Vorstellungskraft sowie

verbale Fähigkeiten.

Zeit: Gilt das für andere Fähigkeiten genauso?

Plomin: Die Umwelt, in der ein Kind aufwächst, bestimmt, wie sich das Potenzial entwickelt, das in den Genen steckt. Gleichzeitig aber formen die Gene wiederum die Umwelt. Sie treiben meine Enkelin ans Bücherregal und meinen Enkel auf den Sportplatz.

Zeit: In Deutschland sind solche Aussagen immer noch heikel. Ist die Botschaft von der Erblichkeit der Intelligenz im angelsächsischen Raum eher akzeptiert?

Plomin: Mittlerweile ja. Bevor ich vor zwanzig Jahren nach London wechselte, wurden wir als Intelligenzforscher in den USA regelrecht attackiert. Heute werden unsere Forschungsergebnisse weithin anerkannt. Nur ein Bereich macht da eine Ausnahme.

Zeit: Welcher?

Plomin: Die Bildung. Sie ist die letzte Bastion, die den Einfluss der Gene ignoriert. Wenn ich meine Erkenntnisse im englischen Bildungsministerium vorstelle, dann treffe ich dort nicht etwa auf Feindseligkeit, sondern auf Ahnungslosigkeit. Diese Leute sind wie vom Donner gerührt, sie haben noch nie davon gehört, dass die Genetik unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflusst. Dabei wissen wir das seit Jahrzehnten.

Zeit: Warum sollte ein Bildungspolitiker oder ein Lehrer sich für ihre Forschungen interessieren?

Plomin: Weil ich eigentlich erwarte, dass jene, die für die Bildung unserer Kinder verantwortlich sind, wissenschaftliche Erkenntnisse über das Denken und Lernen zur Kenntnis nehmen.

Zeit: Was ist denn ihre Botschaft?

Plomin: Dass Kinder unterschiedlich sind und zwar besonders in ihrer Lernfähigkeit.

Zeit: Da erzählen Sie keinem Lehrer etwas Neues.

Plomin: Mag sein, aber dann frage ich mich, warum Lehrer sich immer noch vor 30 Schüler stellen und allen den gleichen Vortrag halten. Diese Methode scheint mir völlig verrückt zu sein, denn ein solcher Unterricht langweilt die klugen Schüler und bringt die schwachen Schüler in Schwierigkeiten. Was wir stattdessen brauchen, ist ein individueller Lehrplan, der sich den Voraussetzungen und Bedürfnissen des einzelnen Schülers anpasst. Nur so können wir optimale Lernergebnisse erzielen.

Zeit: Wie soll ein individueller Unterricht möglich sein? Wir können ja nicht jedem Kind einen Privatlehrer an die Seite stellen.

Plomin: Eine gute Bildung für alle kostet etwas. Mittlerweile eröffnen uns die digitalen Medien ganz neue Optionen, den Unterricht zu personalisieren. Es gibt bereits verschiedene Programme, mit denen Schüler in ihrem individuellen Lerntempo Mathematik lernen. Dabei werden die Lehrer entlastet und gewinnen Zeit, sich um Schüler zu kümmern, die wirklich Probleme in dem Fach haben.

Zeit: Spielt Ihr Ansatz nicht eher all jenen in die Hände, die sagen, wir machen es wie früher: ‚Educate the best, forget about the rest‘?

Plomin: Ich bin Mitglied der Labour-Partei. Ich sehe das ganz anders und zwar nicht nur aus sozialen, sondern auch aus ökonomischen Gründen. Denn es ist eine Dummheit, zu glauben, man brauche nur ein paar Genies, die Google oder Youtube erfinden, und für alle anderen reiche es, wenn sie die Techniken benutzen können. In unseren technologisch avancierten Gesellschaften hängt der wirtschaftliche Erfolg von einer sehr breiten Basis gut gebildeter Menschen ab. Allein deshalb muss man sich um alle Schüler kümmern. Die größten ungenutzten intellektuellen Potentiale dürften in sozial benachteiligten Familien liegen. Für Kinder aus solchem Umfeld benötigen wir eine kostenlose Vorschulerziehung spätestens ab dem Alter von zwei Jahren.

Vgl. Christine Scharf: Vorschulerziehung als eine Maßnahme gegen Lernschwierigkeiten im Anfangsunterricht. Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt an Volksschulen. Göttingen 1969 !

 

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