Über das evangelische Pfarrhaus ist schon viel geschrieben worden. Und meistens wurde das Milieu nicht so gewalttätig-bedrückend dargestellt wie in Michael Hanekes Film
„Das weiße Band“ (2009),
diesem großartigen und eindrücklichen Beitrag.
U.a. schrieb Gottfried Benn in seinem autobiografischen „Lebensweg eines Intellektualisten“ (1934): „Ich habe in verschiedenen Aufsätzen der letzten Jahre auf das eigentümliche Erbmilieu dieses protestantischen Pfarrhauses hingewiesen, eigentümlich nicht nur, weil es statistisch in den vergangenen drei Jahrhunderten Deutschland weitaus die meisten seiner großen Söhne geschenkt hat, nämlich, wie von Schulte nachwies, weit über fünfzig Prozent, sondern weil es eine ganz bestimmte Art von Begabung war, die das Pfarrhaus erbmäßig produziert hat und die mit seinen Söhnen zutage trat. Es war die Kombination von denkerischer und dichterischer Begabung, die so spezifisch für das deutsche Geistesleben ist und in dieser Prägung in keinem anderen Volk vorkommt.“ Benn stützte sich auf die Forschung von Johann Friedrich von Schulte. Leider schrieb er diese Sätze 1934, in einer Zeit also, als er sich politisch vergaloppierte.
Benns Biograf Wolfgang Emmerich nennt 2006 folgende schreibenden Pfarrerssöhne 1525 bis 1900:
„Nikodemus Frischlin, Paul Fleming, Andreas Gryphius, Johann Christoph Gottsched, Christian Fürchtegott Gellert, Gotthold Ephraim Lessing, Christoph Martin Wieland, Matthias Claudius, Georg Christoph Lichtenberg, Gottfried August Bürger, Jakob Michael Reinhold Lenz, Jean Paul (Richter), August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Friedrich Wilhelm Schelling, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Jeremias Gotthelf, Friedrich Nietzsche, Heinrich Schliemann, Gottfried Benn (und hundert andere).“
Jetzt ist Cord Aschenbrenners Buch
Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familengeschichte, München (Siedler) 2015; 368 S.; 24,99 Euro,
erschienen. Johann Hinrich Claussen (SZ 12.5.15) schreibt darüber:
„Die Erfindung des Pfarrhauses war der große Beitrag des Protestantismus zur Bau- und Sozialgeschichte des Christentums. Es prägte Jahrhunderte und wird mit erheblichen Anstrengungen am Leben erhalten. Aber es war und bleibt eine prekäre Institution. Vielleicht fasziniert sie deshalb bis heute. Zugleich stellt sich die Frage, ob sie noch eine Zukunft hat. Es kann kein Zufall sein, dass in den vergangenen Jahren mehrere gute Sachbücher und Bildbände darüber erschienen sind. Im Deutschen Historischen Museum zu Berlin gab es vor zwei Jahren die große Ausstellung ‚Leben nach Luther‘. An diese Interessen schließt der Journalist Cord Aschenbrenner an und wählt doch einen anderen Zugang. Er entfaltet keinen breiten kulturgeschichtlichen Bilderbogen, sondern erzählt die exemplarische Geschichte einer einzigen Pfarrhaus-Familie. Darin ist sein Blick enger, aber auch tiefenschärfer. …
Jede dieser Generationen bewohnt ‚ein Haus, das eher groß ist als klein und jedem offen steht‘, und diese festen Elemente besitzt: ‚eine große Kinderschar, einen üppigen Pfarrgarten, Hausmusik, Bücher, Tischgebet und Tischgespräch, eine resolute Pfarrfrau und einen selbstgewissen Pfarrherrn mit einer anspruchsvollen Nebenbeschäftigung‘. Man muss mit kärglichen Mitteln auskommen und zugleich höchsten Ansprüchen genügen. Das Haus bietet allen Hilfe, Gespräche, Gastfreundschaft. Eine Privatsphäre ist nicht gegeben. Darin verweigert sich das Pfarrhaus dem modern-bürgerlichen Modell einer Trennung von Beruf und Familie, Amt und Person. Es ist nicht der intime Rückzugsort von den Kämpfen des Lebens, sondern immer noch in eins Wohnort und Arbeitsplatz – nicht nur für den Pastor, sondern auch für seine Frau und seine Kinder. Als Arbeitsplatz ist es auch Kultureinrichtung. Hier geht es gebildeter, literarischer und musischer zu als in anderen Häusern – aber auch asketischer, wie man an der notorisch stillosen Möblierung oder der unmodischen Kleidung der Bewohner sehen kann. Frömmer geht es ebenfalls zu, doch das Theologische wird diskret gelebt, findet seinen Ausdruck nicht in direkter Belehrung, sondern in einer Atmosphäre schlichten Gottvertrauens: mehr Paul Gerhardt als Martin Luther.“
Ich bin mit einer Pfarrerstochter verheiratet.