919: In Israel: Gemischte Gefühle

Nachum Manor, 91, und seine Frau Genia, 88, haben sich in einer Fabrik Oskar Schindlers in Polen kennengelernt. Im Gespräch mit Peter Münch (SZ 8.5.15) erzählt der Israeli.

SZ: Herr Manor, Sie haben den Krieg überlebt, nach vielem Leiden. Wie schauen Sie heute auf Deutschland?

Manor: Mit gemischten Gefühlen, und das ist der mildeste Ausdruck, den ich dafür finden kann. Deutschland gehört heute in Israel zu unseren Freunden und Helfern. Auf der andere Seite können wir niemals vergessen, was wir durchgemacht haben während des Kriegs, und was das deutsche Volk uns angetan hat. Es ist eine Tragödie, die unser ganzes Leben bestimmt, all die 70 Jahre, die seither vergangen sind.

SZ: Wieviel Rente bekommen Sie heute aus Deutschland?

Manor: Ungefähr 1000 Euro für uns beide zusammen.

SZ: Halten Sie das für angemessen?

Manor: Wiedergutmachung ist nicht möglich. Wir, die durch die Schoah gegangen sind, leben ein Doppelleben: Am Tag funktionieren wir, wir arbeiten, wir lachen, wir weinen – fast wie normal. Aber in der Nacht gehen wir in die Zeiten des Holocaust, jede Nacht. Bis heute träumen wir von den Lagern und all den unvorstellbaren Situationen. Es gibt kein Entkommen.

SZ: Können Ihre Kinder das nachvollziehen?

Manor: Ja. Sie wissen das alles sehr gut. Sie sind beteiligt, sie waren auch einmal in Krakau.

SZ: Und die Enkel?

Manor: In Israel reisen die Kinder in der siebten Klasse nach Polen, sie besuchen Auschwitz und die anderen Orte. Die Schoah lässt uns nicht los, und wir lassen die Schoah nicht los. Aber ich weiß nicht, wie tief das bei der dritten Generation geht.

SZ: Wie haben Sie gelernt, mit den Schatten der Vergangenheit umzugehen?

Manor: Die Psychiater sagen, wenn du alles drin lässt, wird der Druck zu groß. Vielleicht hilft es ja zu reden. Deshalb sind wir oft in Yad Vashem, um Besuchergruppen zu erzählen. Aber es gibt auch viele, die schweigen und deren Kinder gar nichts wissen. In unserem Kibbuz waren 80 Leute, alle aus Europa, alle Überlebende, aber keiner hat darüber geredet. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, eine neue Heimat aufzubauen. Doch dann passierten zwei Dinge:

der Eichmann-Prozess,

und viele Jahre später der Film

„Schindlers Liste“

von Steven Spielberg. Das hat die Tore geöffnet, und plötzlich fingen viele an, darüber zu sprechen. Erst dann haben wir erfahren, was enge Freunde und Nachbarn erlebt hatten.

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